Kapitel XIII: Der DocWagon Auftrag

          DocWagon- Karten sind so wertvoll wie ein Drachenei, den richtigen Abschluss vorausgesetzt. Marshall Parker, der berühmte örtliche Multi-Instrumentalist, besitzt eine Super-Platin-Absicherung (vermutlich finanziert von seinem Gönner, Ahteen). Unwissentlich wurde Marshall damit zum Schlüssel zu einer privaten Enklave und einer dort stattfindenden ‘Einlass nur mit Einladung’ – Party, um zur Erfüllung eines persönlichen Rachefeldzuges beizutragen, und einen Drachen in seinem eigenen Heim zu töten.

Strouther hatte den Plan entwickelt. Sie brauchten einen Weg in Ahteens Unterschlupf und Marshall Parker würde dort ein Konzert geben. Wenn während dieses Konzerts irgendetwas mit Parkers Vitalzeichen schief gehen würde, würde das, zu seinem spitzenmäßigen Medizinischen Vertrag gehörende, Biomonitor-Armband ein DocWagon – Notfallteam auf kreischenden Rädern zu ihm schicken. Dieses Notfallteam würde Kats Team sein. Aber zuerst mussten sie sich einen DocWagon-Wagen ‘borgen’ und ihr Team bei DocWagon registrieren, um auf den kommenden ‘Notfall’ reagieren zu können. Ganz einfach…

Die DocWagon Serviceeinrichtung in South Renton hatte die Größe eines kleinen Krankenhauses. Gesäumt mit Notaufnahme-Eingängen auf der einen Seite und einem Verwaltungsbau auf der anderen Seite. Kats kleine Gruppe von Runnern schlurfte durch den Regen auf das Neonschild mit der Aufschrift: KRANKENTRANSPORTE HIER ANMELDEN zu, steigerte dann das Tempo und sprintete auf eine Reihe Arbeiter zu, die gerade Schichtwechsel hatten und erpicht darauf waren, aus dem Regen zu kommen.

Am Eingang zur Notaufnahme trennten sich die vier Runner. Kitsune, in ihrer neuen DocWagon-Kluft, hing in der Nähe des Eingangs herum, steckte sich eine Zigarette an, und versuchte den Anschein einer Angestellten die Pause machte zu geben. JT und Haegemon trugen Straßenkleidung. Sie trugen Seesäcke, und ihre ID-Ausweise hingen an kurzen Ketten um ihre Hälse. Als sie näher an einen Haufen eintreffender Angestellter herankamen, wandte sich Haegemon an JT, und sagte: ”Ich bekomme euch Jungs von der ‘HighThreat-Einsatzgruppe’ kaum noch zu Gesicht.”

“Sie haben meine Mannschaft erst diese Woche hierher verlegt. Aber wer weiß, wie lange sie uns hierbehalten.”, gab JT zurück. Sie setzten das vorbereitete Gespräch fort, sich mit geübter Leichtigkeit unter die Menge der Angestellten mischend.

Kats Aufgabe lag auf der Verwaltungsseite. Der Laden schloss um 17 Uhr. Zurück blieben nur Haushaltsdrohnen und eine Handvoll Lohnsklaven, die hofften, einige Überstunden würden sie eine weiter Stufe auf der Karriereleiter hinaufbefördern. Kat war mit einem ‘Mortimer`s of London’ – Geschäftsanzug bekleidet, und trug ihre Umhängetasche über der Schulter. Nachdem sie ihren DocWagon-ID-Ausweis dem ersten Sicherheitsbeamten den sie sah vorgezeigt hatte, machte sich keiner mehr die Mühe, in ihre Richtung zu schauen. Sie war für die anderen nur ein weiterer Lohnsklave.

Kat fuhr mit dem Aufzug hoch zu ihrem Ziel. HR lebte in einem Großraumbüro vier Stockwerke hoch über der Mitte der Anlage. Es könnte ebenso gut eine Höhle gewesen sein. Die Luft war frisch, recycled von den Klimaanlagen, die hoch über ihr surrten. Nach Büroschluss kam das einzige Licht von den grün leuchtenden Notausgangs-Schildern an jedem Ende des Raums und den roten LEDs von Monitoren im Ruhezustand. Kat wählte eine Workstation, die nur aus vier anstatt aus zwölf Rechnern zusammengesetzt war und wo der dadurch gewonnenen Raum für einen runden Tisch und extra Stühle genutzt wurde: die Workstation eines Abteilungsleiters.

Sie stöpselte sich ein.

Kat sog tief Luft ein und schob die Ablenkungen der physischen Welt von sich. Sie ignorierte den Schreibtisch, die kalte, klimatisierte Luft, die auf sie herniederfiel, das leere Büro; und konzentrierte ihre Aufmerksamkeit auf die elektronischen Subroutinen, die sich auf die Computerstation zu und wieder davon weg bewegten. Sie sank in ihrem Stuhl zusammen und ließ ihre Vorstellungskraft die Welt um sie herum zu einem Geflecht von Leitungsdiagrammen und Systemzugriffspunkten verblassen. Es dauerte nicht lange, den Server mit den Mitarbeiterdaten zu finden und die fünf falschen Identitäten einzuschleusen. Spaßeshalber merkte Kat ihre Identität für eine Belobigung vor (Sollte jemand ihre Unterlagen checken, würden sie zumindest sehen, dass sie gut war in ihrem Job).

Sie fuhr diesen Zugriffspunkt runter und richtete ihr Eindringen neu aus. Kat hackte sich durch eine Folge von Firewalls, grub sich in das Root-System ein, wo sie den Datenstrom des Sicherheitssystems sehen konnte, wie er sich zur Gebäude-CPU hin aufspulte. Türschlösser und Überwachungskameras strahlten vom Kern ab, wie die Stacheln eines Kugelfisches. Kat unterdrückte schnell die Befehlszeile, deren Speicherzuweisungen entziehend, so wie ein Knick im Schlauch dem Taucher den Sauerstoff entzog. Ohne RAM und ROM liefernden Code, stoppten die Kameras die Aufzeichnungen und Magnetschlösser öffneten sich mit einem trägen klacken.

“Verzeihung, Fräulein?” Eine Stimme trieb von irgendwo weit weg auf Kat zu.

In der Zwischenzeit hatte es Kitsune geschafft, lässig durch einen der frisch entriegelten Seiteneingänge in eine der Parkbuchten zu schlüpfen. Kat übernahm die Kontrolle über eine der Garagenüberwachungskameras und beobachtete, wie die Schamanin, den Kopf gesenkt, in Richtung eines klotzigen Ares Citymasters schlenderte, der nahe der Rückseite der Parkbucht geparkt war. Hellrote Buchstaben auf der Seite des Transporters verkündeten warnend: “HighThread-Einsatz”. Haegemon und JT folgten, und Kats drei Begleiter stiegen in den Ares Citymaster. Kitsune brachte den Motor auf Touren.

“Fräulein?” Mehr Worte krochen aus ihrem Bewusstsein, aber das Geräusch war verstümmelt, als würde es unter Wasser gemurmelt.

Kat zoomte näher ran, um das Nummernschild lesen zu können. Sie pflanzte die Nummer in das System für die aktiven Fahrzeuge der morgigen Spätschicht ein, es dabei gleichzeitig mit Kitsunes gefälschter ID als Fahrerin verknüpfend, sowie den anderen gefälschten IDs als Mannschaft.

Fertig mit ihren Aufgaben, erlaubte die Deckerin sich auf die äußere Welt zu konzentrieren. Sie tauchte langsam auf, die ferne Stimme noch immer ein nagender Datenstrom, wartend am Rande ihres Bewusstseins. Es wandelte sich von einem irritierenden Hauch zu dem alarmierenden Gefühl einer Hand auf ihrer Schulter. Kat begann mit dem Log-Out und die Realität der Welt kehrte schlagartig zurück. Als ihre Sinne sich einstellten, verstärkte sich der Griff an ihrer Schulter. Kat verkrampfte sich reflexartig und widerstand dem Drang, die Hand wegzuschlagen.

“Ich habe Sie gefragt, was Sie an meinem Terminal zu schaffen haben?” Die barsche Stimme gehörte einem Mann in einem schlechtsitzenden Geschäftsanzug. Seine Krawatte war gelockert und die drei obersten Knöpfe seines Hemdes standen offen. Bartstoppeln sammelten sich an seinem Kinn und unter seiner Lippe. Sein Atem stank nach schaler Minze.

“Oh, oh!… Es tut mir so leid.” Kat stieß sich vom Tisch weg und trennte ihre Datenbuchse ab. Sie versuchte das Zittern aus ihrer Stimme heraus zu halten, versagte aber. Sie tätschelte geistesabwesend ihre Schultertasche. “Sie sagten mir, sie wären schon für den Abend verschwunden.”

“Wer sind ‘Sie’?”

Kat setzte zum sprechen an, klappte den Mund aber wieder zu, setzte den Finger an ihre Lippen, so als wollte sie anzeigen, dass irgendjemand lauschen könnte. Sie warf einen langen Blick durch den Raum, ihren Kopf auf dramatische Weise hin und her drehend, was ihr die Zeit gab, sich an die Lüge zu erinnern, die sie sich zurecht gelegt hatte. “Ich denke nicht, dass ich Ihnen das sagen darf.”

“Ich sagte, was machen Sie an meinem Rechner?” Zwei Schatten querten das grüne Licht des am andern Ende des Raumes angebrachten Notausgangs-Schildes. Ihr Herz schlug schneller. Kat warf einen Blick hinüber und sah ein Paar Sicherheitsleute dort stehen.

Die Deckerin befeuchtete ihre trockenen Lippen und lächelte verschwörerisch. “Okay, ich meine, irgendwem muss ich es ja sagen, nicht wahr?”

“Ich denke, Sie fangen jetzt besser an zu reden…!”

Sie warf einen schnellen Blick auf das Namensschild auf dem Schreibtisch: Patrick Goodman. Die beiden Wachmänner kamen jetzt auf sie zu. Durch Quäken und Quietschen kündigten ihre Walkie-Talkies ihre Ankunft an.

Kat beugte sich zu Patrick Goodman und flüsterte, “Also gut, Mr. Goodman. Die Firma hat mich hergeschickt, um vor dem Verkauf einige Daten zu überprüfen.”

“Was für ein Verkauf!?” Unter dem Ansturm von heißem, minzigem Atem trat der vertraute Geruch von Bourbon hervor. Er schaute hinüber zu den Wachen, die jetzt wie eingefroren an ihrem Platz standen, unsicher darüber, wie sie reagieren sollten. Er machte einen fummeligen, ungeschickten Versuch, seine graue Krawatte zu richten und wiederholte seine Frage flüsternd.

“Nun, Sir, die Gesellschaft hat ein Angebot von CrashCart erhalten, dahingehend, diese Örtlichkeit zu erwerben. Es werden bereits Vorkehrungen getroffen, um das Personal an andere Standorte zu verlagern. Ich wurde vorausgeschickt, um festzustellen, ob es auf administrativer Seite etwas gibt, das es wert ist zu erhalten.”

Patrick Goodman sah plötzlich krank aus. Er sprach kein Wort mehr, bis das Funkgerät eines Wachmannes wieder quietschte und den Abteilungsleiter aus seiner Trance riss. “Ich,…äh…denke…sie sollten dann wohl weiter machen.”

“Ich danke Ihnen, Sir.” Sie pausierte kurz, improvisierte jetzt und fügte hinzu “Es stimmte, was sie über Sie sagten.”

Er starrte sie neugierig an, den Kopf leicht zur Seite geneigt, in einer Art und Weise, die sie an Fluff erinnerte. Kat musste sich dazu zwingen, sich lange genug das Grinsen zu verkneifen, um eine Erklärung abzugeben. “Sie können die richtigen Entscheidungen treffen.” Dann garnierte sie das Ganze noch mit einem Augenzwinkern.

Patrick Goodman strahlte. Er schaffte es endgültig, seine Krawatte soweit zu richten, dass er sein Hemd zuknöpfen konnte. Er schlenderte fort, den Rücken gerade, die Schultern hochgezogen. Die Wachen schienen dadurch befriedigt genug, dass sie ihren Rundgang fortsetzten.

Nachdem alle Männer verschwunden waren, schlüpfte Kat ins nächste Treppenhaus und stieg hinab zum ersten Stock. Der Ares Citymaster wartete vor dem Haus auf sie. Haegemon öffnete die Tür und half ihr beim einsteigen.

“Irgendwelche Probleme?”

“Nichts, womit ich nicht fertig werde.” Sie tätschelte ihre Umhängetasche. Fluff maunzte unter dem Leder.

JT grummelte, “Du musst damit aufhören, das verdammte Kätzchen überallhin mitzuschleppen. Das ist nicht gesund. Ich glaube, es verliert ein Leben, jedes Mal wenn du es in diese Tasche steckst.”

Kat verdrehte ihre Augen. “Gute Arbeit, alle zusammen. Wir haben die Karre. Alles, was uns jetzt noch fehlt, ist der Patient.”

Die Gruppe eilte die Interstate 5 entlang, in Richtung des gigantischen, von Menschen geschaffenen Berges, der als die Renraku-Arkologie bekannt ist.

Kapitel XII: Uebrig bleiben Draehte

          Kat beäugte die Fuchi Armbanduhr, die an die Innenseite ihres Handgelenks geschnallt war, und rutschte tiefer in den Hartplastiksitz gegenüber einer Reihe wirbelnder Wäschetrockner. Elf Uhr vormittags. Es sah Mortimer Reed nicht ähnlich, zu spät zu kommen. Sie trommelte mit ihren Fingern und drehte geistesabwesend die Lautstärke des Jet Black Songs, der über ihr Hör-Implantat dudelte, nach oben. In der Nähe saß ein tätowierter Bursche auf einer Waschmaschine, ließ seinen Kaugummi laut platzen und starrte sie an. Sie konnte seine Cyberaugen praktisch in ihr tiefausgeschnittenes Shirt reinzoomen hören.

Sie seufzte und sah demonstrativ in sämtliche Richtungen, außer seiner. So früh am Tag, war Stig`s QuikWash etwa so bevölkert wie die Barrens nach der Sperrstunde. Ein Paar ältere Frauen falteten ihre Weißwäsche auf einem angeschlagenen Duraplastiktisch und stritten sich lautstark wegen der Bürgermeisterwahlen. Ein paar Sitze entfernt von Kat schrubbte ein drahtiger Elfenmann verzweifelt an der Brusttasche seines Anzugs herum.

Trotz Kats Bemühungen ihn zu ignorieren, schwang der liebeshungrige Fanboy sich von der Waschmaschine herab, aufgeblasen mit einem ekelhaften Vorrat aus jugendlichem Mut und Adrenalin. Kat verdrehte ihre Augen, nickte weiter mit dem Kopf zur Musik und wappnete sich für das Gespräch.

Doch anstatt loszulegen mit etwas, das ohne Zweifel eine lahme, gestammelte Vorstellung gewesen wäre, hielt der Junge an, und starrte durch das Schaufenster nach draußen, wo zwei dunkelgekleidete Männer standen. Kats Hand wanderte zu ihrer Umhängetasche. Einer der Männer war dünn und trug einen Wäschesack. Der andere war ein muskelbepackter Amerindianer, der sich mit dem roboterhaften Rucken verdrahteter Reflexe bewegte. Kat erkannte ihn sofort wieder. Das Paar Runner trat durch die Tür. Kat entspannte sich ein wenig, ließ ihre Hand aber wo sie war – am Kolben ihrer Waffe.

“Hoi, Joshua. Ist der Sack für mich?” Sie zeigte mit dem Kinn in Richtung des zweiten Mannes.
Joshuas verstärkte Muskeln spannten und entspannten sich unnatürlich, was sein breites Grinsen animalisch erscheinen ließ. “Lange her, Kat. Schön, dich in einem Stück zu sehen.”
Sie lächelte, das frische Chrom an seinen Schläfen beäugend. Hervortretende Operationsnarben zogen sich seine Wangen hinab. Joshua war wie die meisten Samurai, die sie kannte: Zieh die oberste Hautschicht ab, und übrig bleiben Drähte. “Schön zu sehen, dass du mit deiner Hardware auf dem laufenden bleibst. Wer ist das Frischfleisch?”

Joshua sah Kats Hand in ihrer Tasche zucken. Sein Lächeln geriet nicht ins Stocken. “Er ist ein Chummer, alles klar? Kat, das ist BillD4.”

BillD4 war schlaksig und grübelnd in einer Weise, die sie an Steelflight erinnerte. Ihre Aufmerksamkeit wanderte von dem Mann, zu dem zerknitterten Wäschesack den er trug. Ihr Päckchen sah aus wie Drek. Sie nahm es und machte sich eine Notiz, Reed beim nächsten Mal um einen Rabatt anzuhauen, wenn sie geklaute Waren beschaffen musste.

“Also…wo ist Mortimer?”

“Konnte nicht kommen, also hat er uns geschickt.”

“Konnte nicht?” Kat zog eine Augenbraue hoch.

“Wollte nicht.” Joshua lachte. BillD4 trat zurück und sah sich im Waschsalon um, während Kat ein Klappmesser zog und das Isolierband um die Sacköffnung herum aufschnitt. Sie spähte hinein und runzelte die Stirn.

“Fühlt sich leicht an. War er in der Lage die Anpassungen, die wir besprochen hatten, durchzuführen?”

Joshua beäugte den Sack. “Es gab einige Meinungsverschiedenheiten mit dem Hersteller, aber wir haben dafür gesorgt, dass die richtigen Einstellungen vorgenommen wurden.”

Da lagen fünf DocWagon-ID-Ausweise auf vier ordentlich gefalteten, schwarzen, DocWagon-Uniformen im Wäschesack. Sie nahm sie heraus, eine fünfte, zerknitterte, Uniform am Boden des Sacks offenbarend. Diese war grau und größer als der Rest. Blutflecken sprenkelten einen Ärmel und den Kragen. Kat drehte sich mit einem gequälten Ausdruck zu den beiden Runnern um. “Ihr wisst das bedeutet, ich muss sie waschen!”

“Nun – scheint so, als hätten wir dich am richtigen Ort getroffen.”

BillD4 begann zu lachen und wandte sich ab, um zu gehen. Joshua versuchte sein bestes, seine Cyberverstärkungen zu bekämpfen und zu lächeln. Stattdessen sah er aus als wollte er einem den Kopf abreißen. Er drehte sich zu dem Kaugummi-Knaben um und zwinkerte, und Kat konnte hören wie der Jungen würgte und anfing nach Luft zu ringen.

Eine Stunde später traf Kat ihre Crew am Pike Place Markt, wo der Geruch von Fisch die Luft durchzog. Sie aßen Burger mit echtem Fleisch in einem Restaurant mit Außenterrasse, von wo aus man die Puget Meerenge überblicken konnte, und grinsten vorüberziehende Touristen an.
“Verprasst ihr euren Anteil schon?” Kat grinste der Ansammlung von Runnern zu.

Kitsune bot Kat einen Stuhl an und die Deckerin nahm Platz. Sie verstaute ihre Tasche auf ihrem Schoß und lächelte reihum jeden ihrer Runner an. “Die Uniformen sind hier drin. Wir können den DocWagon – Run heute Nacht durchziehen bevor wir Carter schnappen, oder wir können bis danach warten und reduzieren damit die Anzahl der Stunden, die das Fahrzeug vermisst wird, ehe wir es benutzen.”

Haegemon sagte: “Sollten wir nicht darüber reden ob wir das ganze überhaupt machen?”
Sie verfielen in Stille, als eine Kellnerin kam um Kats Bestellung aufzunehmen. Kat bestellte einen Burger, ein Glas Milch und eine leere Schüssel. Als die Schüssel gebracht wurde, setzte sie sie auf den Boden und schüttete die Milch hinein. Dann öffnete sie ihre Umhängetasche. Fluff entfaltete sich und spähte vorsichtig umher. Die Runner sehend, sprang sie aus der Tasche und auf den Boden, wo sie an der Schüssel mit Milch schlabberte.

Kat fuhr fort: “Was, wenn ich euch sage, wenn wir dieses nächste Ziel erreichen, kann ich einen Adepten anheuern?”

Rund um den Tisch gab es nicken und gemurmelte Zustimmung. Haegemon strahlte: “Meine Stimme hättest du, um weiterzumachen.”

“Nullo Problemo, Freunde. Wir haben uns bislang ganz schön gestreckt, aber wenn wir uns noch nach einem letzten Ziel recken können, kann ich uns die Person besorgen, die den Job richtig erledigt.”

Kat erläuterte leise den Plan. Die vier Runner würden in Uniformen gekleidet und mit IDs ausgerüstet, eine nahegelegene DocWagon Klinik betreten. Kats Aufgabe bestand darin sich in den Personalserver zu hacken und ihren Hintergrund als aktive Angestellte einzubauen. Sie fächerte vier neue DocWagon-Angestellten-IDs wie ein Pokerblatt vor sich auf. Die fünfte behielt sie.

JT schnappte sich diejenige mit seinem Foto und fragte: “Würde es dir etwas ausmachen, uns zu erklären, weshalb du dir diese Namen ausgedacht hast? Denn, wenn du meinst, ich sähe aus wie ein Damien Lockrow, dann haben wir Probleme.”

“Damien ist ein starker Name. Er passt zu dir.”

“Klingt wie ein Trid-Romanzen-Held.”

Kat tippte auf die fünfte ID-Karte, die sie noch immer mit der Vorderseite nach unten vor sich liegen hatte. “Nein, Storm Browne klingt wie ein Trid-Romanzen-Held. Aber es passt zu unserem Adepten, den ich in Aussicht habe.”

Haegemon beugte sich vor, “Du hast schon jemanden im Auge?”

Kat lachte, “Du hättest an Weihnachten keinen Spaß. Warte, bis der Job erledigt ist, bevor du dein Geschenk auspackst, Haegemon.”

Er ächzte und vergrub seine Zähne in seinem Hamburger. Kitsune seufzte tief, “Ich könnte mich daran gewöhnen, Nicole Holland zu sein. Es wäre eine Schande, diese Identitäten nach dem Run wegzuwerfen.”

Kat stimmte zu, ihre eigene ID-Karte vorzeigend. “Ich könnte mich auch daran gewöhnen, Jennifer Moore zu sein, aber wenn wir mit diesen SINs an Ahteens Sicherheit vorbeikommen, werden sie so tot sein, wie der Drache. Es wäre klug, so weit weg von ihnen und von hier zu kommen, sobald es möglich ist.”

“Ich denke an Hong Kong”, murmelte Haegemon mit Blick auf Kitsune.

JT sprach zuerst. “Nee, Berlin.”

Kat verzog das Gesicht. “Von einem Drachen zu einem andern, meinst du?”

Er zuckte die Schultern. “Ich hab gehört, in Berlin gibt`s gute Arbeit.”

Die vier Runner verfielen in Schweigen, jeder für sich die Konsequenzen überdenkend. In ein paar Stunden würden sie sich mit einem Drachen anlegen. Nichts konnte danach noch sein wie zuvor.

Die Stille hielt an, während die Kellnerin mit Kats Burger zurückkam und dann wieder ging. Letztendlich räusperte Haegemon sich. Er wedelte mit einer Hand seine ID-Karte durch die Luft und erhob mit der anderen sein Glas. “Auf Will Oprisko: nach dem heutigen Abend wirst du für DocWagon arbeiten, und Morgen könnte es dazu kommen, dass du einen Drachen tötest.”
Sie stießen ihre Gläser zusammen und tranken.

Kapitel XI: Die Arbeit eines Tages

          Beim dritten Läuten fokussierten sich ihre Augen endlich auf die Zahlen auf der Digitalanzeige. Sie knurrte ins Telefon: „Es ist sechs Uhr morgens, Glutman.”

Der fette Österreicher am anderen Ende des Trids lachte nervös. „Yep, es ist früh, aber nicht zu früh für Freunde, nicht wahr?”

„Wir waren niemals Freunde, Glutman. Was willst du?” Neben ihr hatte Fluff ihren Kopf in JTs Wuschelkopf vergraben und war dabei, sorgfältig jede Strähne abzulecken. Der schlafende Samurai stöhnte und versuchte ohne Erfolg, das Kätzchen wegzuschieben.

„Wir haben Ärger, Kat. Nightshade und ihr Team wurden von Knight Errant geschnappt. Du musst sie raushauen, ehe sie noch größeren Ärger bekommen, yep?”

Hastig setzte sich Kat auf und rieb sich den Schlaf aus den Augen. „Wa…? Warum erzählst du mir das?”

„Kat, bitte … das ist ernst. Sie wurden von KE bei einem Run auf die Hauptverwaltung der Aneki Corporation erwischt. Sie werden morgen in den Bundesknast verfrachtet. Nightshade, Equinox und Crash Negative Zero sind immer noch deine Freunde, Kat. Sie brauchen dringend deine Hilfe, und du hilfst deinen Freunden immer, ja?”

Sie sah zu JT und legte sanft ihre Hand auf den Mullverband auf seinem Rücken. „Es ist gerade kein guter Zeitpunkt, um neue Arbeit anzunehmen.”

„Du redest von den Crimson Crush, stimmt`s? Schlechte Neuigkeiten reisen schnell in den Schatten, aber ich habe Nuyen mit deinem Namen drauf. Ausreichend Nuyen kaufen dir Zeit.”

Wenn es nur so einfach wäre. Sie versprach ihm eine Antwort innerhalb einer Stunde und fing an, die Crew zusammenzurufen. Gegen sechs Uhr dreißig schlürften sie Soycaf auf ihrer Couch und zappten durchs Trideo auf der Suche nach Berichten über die Gefangennahme.

„Drek! Ein Eilauftrag? Jetzt?” JT schüttelte den Kopf.

Haegemon setzte eine nachdenkliche Miene auf. Kitsune nicht, sie platzte stattdessen heraus: „Haben alle den Council Island Job vergessen? Lasst uns das mal durchgehen! Erstens – wir müssen heute Abend Ahteens Musiker, Mr. Parker, aus der verdammten Renraku-Arkologie herausbekommen. Zweitens – wir müssen einen Weg finden, ihn wieder zurückzubringen. Drittens – wir müssen in eine DocWagon-Einrichtung eindringen, IDs in ihr Netzwerk einschleusen und einen Krankenwagen klauen, nur damit wir auf Council Island gelangen … und dort in eine Drachenhöhle reinkommen!”

Haegemon rutschte einige Zentimeter von ihr weg, in der Hoffnung, ihrem Zorn zu entgehen. Sie war noch nicht fertig. „Also, in den fünfzehn Extrasekunden, die wir bis zur Morgendämmerung haben, wollt ihr in eine KE-Einrichtung einbrechen, ungeachtet des Umstands, dass wir gerade aus einer ausgebrochen sind, und drei Runner befreien!”

„Nightshade ist eine Freundin. Das ist der springende Punkt. Wenn wir es nicht machen, enden sie in Darrington, und das hat keiner verdient. Und die Möglichkeit, so viele Nuyen mit einem Tag Arbeit zu machen, hat man nicht allzu oft.”

„Drek, Kat. Wir können die Nuyen nicht mehr ausgeben, wenn wir tot sind!” Kitsune schäumte weiter.

JT schaute nervös zu der Schamanin, murmelte aber: „Ich bin dabei.”

Kat nickte ihm zu, die Lippen schmal. Sie blickte vorsichtig zu Kitsune.

Haegemon kratzte sich am Kinn. „Vielleicht gibt es eine andere Möglichkeit. Ihr habt bislang einen Haufen Nuyen aus dieser Ahteen-Sache geholt. Mein Anteil würde ausreichen, um den Runs den Rücken zuzukehren; Seattle insgesamt den Rücken zuzukehren. Kat, wir könnten diesen Job mitnehmen und wären mit allem durch.”

Kitsune warf angewidert die Hände in die Luft, floh in die Küche und lief wild hin und her. Kat betrachtete die gereizte Schamanin und sann vor sich hin. Drek, ein Unglück kommt selten allein, dachte sie. Ich bin monatelang ohne Job, und mittendrin im größten, den ich je hatte, bekomme ich einen weiteren. Kitsune hatte recht, aber Haegemon auch – wenngleich Strouther ihr bereits einen Ausweg angeboten hatte. Vielleicht konnte Ankh den Job übernehmen. Er hatte immer noch Kid Crash Derringer, Sangius, Veav und Endrin, die mit ihm arbeiteten. Das waren mehr Leiber, als sie dem Problem entgegenzuwerfen hatte …

Fluff hüpfte auf die Couch und ließ sich auf ihrem Schoß nieder. Sie hob ihre Hinterbeine und schnippte mit dem Schwanz gegen Kat in der klassischen „Streichle mich”- Geste. Kat erfüllte ihre Pflicht, sanft das verbrannte Fleisch umgehend.

Als sie aus ihrem inneren Monolog auftauchte, war ihr Hals trocken und ihre Stimme überschlug sich. „Ich ziehe mich nicht aus dieser Sache zurück, Haegemon. Ahteen ist mein Problem.”

„Und Nightshade?”

„Das hängt von Kitsune ab.”

Kitsune seufzte. „Okay, Kat, aber ich weiß nicht, ob ich darüber hinaus noch zu mehr bereit bin. Etwas ist mit diesem Job nicht in Ordnung. Fuchs kam letzte Nacht wieder zu mir. Ich denke, wir sollten es bleiben lassen.”

„Ich will nicht …”

„Ich weiß, du willst nicht, aber der Rest von uns könnte es wollen. Wir verdienen eine Chance, es auszudiskutieren. Ich meine ja, fein … wir werden Nightshade raushauen, aber danach werden wir über die Angelegenheit mit Ahteen abstimmen.”

Kat wollte nicht zustimmen, aber Kitsune ließ ihr keine Wahl. Mit weniger als einer Stunde Planung auf dem Konto versammelten sich die vier Runner in Snohomish – Seattles ruhiger Gartenzone und einem Teil der Stadt, die sie bis zu diesem Morgen noch nie gesehen hatte.

„Bäume in Seattle. Ich dachte, sie wären auf Council Island und bestimmte Hundeparks beschränkt.”

Kitsune lachte. „Diese Gegend steht auf Landwirtschaft. Niemand hat es darauf angelegt, aber es scheint, als wachse Seattle mit jedem Tag.”

Auf den ersten Blick wirkte die Knight-Errant-Einrichtung brandneu. Breite Stufen führten hinauf zu einem Eingang, der mit einem Wasserfall ausgestaltet war und der Marmorbüste eines Polizisten, der ein Kind hielt. Wenn man etwas genauer hinsah, bemerkte man Rostspuren an der Statue.

„Erkennt ihr die Kunst?” JT zeigte auf eine Wand, die – obwohl überstrichen - noch immer schwache Spuren von Graffiti aufwies.

„Autoduel76“ Haegemon pfiff. Autoduel76 war Seattles führender Tagger, teils sozialer Aktivist, teils Sozialkritiker. Er war hinter Gangs und Bullen her. Sobald eine öffentliche Rüge gegen einen bestimmten Bezirk eingereicht wurde, dauerte es nur wenige Tage, bis Autoduel76 Farbe ins Feuer goss. Er markierte einen Ort nicht nur, er farb-bombardierte ihn. Jede Oberfläche wurde zu seiner Leinwand.

„Frische Arbeiten. Ich glaube, wir haben Glück. Sie werden nervös sein und ganz begierig darauf, ein paar Verhaftungen vorzunehmen.”

Kat wusste, wo dieses Glück herkam. Sie lächelte und griff mit beiden Händen in ihre Umhängetasche. Mit der einen zog sie ihr SEGA CTY-360 heraus, mit der anderen schob sie Fluff wieder nach unten, ehe das Kätzchen seine Anwesenheit kundtun konnte.

Über eine nahegelegene PANICBUTTON-Telefonzelle stöpselte sie sich ein. Den Alarm einer PANICBUTTON-Zelle auszulösen war leicht. Es gehörte auch zu den Dingen, die Runner normalerweise vermeiden. Bloß

Kat wollte, dass die örtliche Sicherheit angerannt kam. Wenn sie gekonnt hätte, würde sie jeden KE-Beamten im Umkreis von 25 Kilometern anlocken. Sie glitt ins SAN und fand die Kontrollen für die drei entferntesten PANICBUTTONs. Das mochte wie der Überfall einer Gang erscheinen, oder wie ein Erdbeben. Das war ihr egal, solange die Sicherheit antrabte. Sie entließ ein Honeypot-Programm in das Netzwerk, um Antworten KEs auf PANICBUTTON-Rufe aufzuspüren, und schaltete dann alle drei in Folge. Fast sofort flitzten acht Wagen vom Parkplatz, ließen zwei zurück. Über den Onboard-Timer programmierte sie ihr Deck darauf, alle zwei Minuten zu piepsen, zog sich die Kapuze über und rannte zur Vorderseite des Reviers.

Das Innere passte zum Äußeren, militärisch graue Wände, gesäumt mit Bildern von Polizisten, die ihren Dienst für die Öffentlichkeit leisteten. Vor dem Schalter wartete eine Handvoll wütender Bürger darauf, ihre Fragen loszuwerden, bezüglich verlorengegangener Haustiere, Strafzettel oder irgendwelcher kleinerer Vergehen. Der Schalterbeamte war ein Uniformierter von vierzig-irgendwas, mit kybernetischen Augen, die möglicherweise in Echtzeit Bilder ins Überwachungssystem übertrugen. Kat hielt den Kopf unten, so dass alles, was er sah, wenn er sie anstarrte, ihre Kapuze war. Sie betrachtete eins der Fotos an der Wand, als wäre es ihr wichtig. Ihr Timer piepste gerade zum ersten Mal, als eine Explosion die Rückseite der Polizeiwache zerriss.

Die Leute schrien, und der Schalterbeamte sah sich hektisch um. In der Ferne hörte sie, wie JTs AK-97 Kugeln in die Hintertür pumpte. Haegemons Drohnen stiegen ein, mit kontrollierten Stößen automatischen Geschützfeuers. Das gab den Ausschlag. Der Schalterbeamte folgte einer Handvoll verbliebener Beamter zur Rückseite, während alle anderen vorne rausrannten. Kat steuerte auf den Schalter zu und hielt nur kurz inne, um sich zu vergewissern, dass der Beamte nicht zurückblickte. Sie sprang über den Tresen und setzte sich vor seinen Computer. Der Beamte war noch ins System eingeloggt. Sie stöpselte sich ein und lud sofort Baupläne und die dazugehörigen Sicherheitskamera-Einspeisungen.

JT und Haegemon hatten die Hintertür gesichert, und ein stetiger Kugelstrom hielt die Beamten davon ab, Boden zurückzugewinnen. Kat überbrückte die digitalen Kameras und initiierte ein Speicherabbild.

„Wo sind sie?!” Kitsune stürmte durch die Reviertür und starrte nervös zu den Kameras an der Decke.

„Kellergeschoß. Die Halle runter zu deiner Linken. Eine Wache mit einer Schrotflinte!”

Kitsune rannte die Halle hinunter, als Kats Cyberdeck erneut piepste. Vier Minuten. Jemand an der Wache drückte auf den PANICBUTTON. Ihr Honeypot-Programm entdeckte das ausgehende Signal, und ihre Finger flogen über ihre Tastatur, um das Signal zu unterdrücken. Ein zweiter PANICBUTTON-Ruf ging raus, ein dritter, vierter, fünfter.

„Schneller, bitte”, murmelte sie zu niemandem im Besonderen.

Ein sechster Ruf schoss an ihrer Verteidigung vorbei. Sie sah das Programm in den Cyberspace schleudern und fluchte laut. Auf der Keller-Kamera knickte die Zellenwache gegen die Wand, als wäre sie von einer unsichtbaren Hand gestoßen worden. Kitsune kam in Sicht. Sie hielt drei Finger hoch, dann fünf, und dann sieben. Kat schmierte durch das Sicherheitssystem, bis sie die Schlosscodes für die entsprechenden Zellen fand. Sie befreite alle drei und zwang das System zu einem Neustart. Jetzt kam es nur noch auf Geschwindigkeit an.

Sie wartete, bis Kitsune und die drei Runner, die reichlich lädiert aussahen, die Treppen heraufgesprintet kamen und durch die Vordertür hinaus waren. Keineswegs eine Sportlerin, war sie selbst überrascht darüber, wie schnell sie zum Van rannte.

JT und Haegemon hatten sich bereits zurückgezogen, als Kat, Kitsune und die drei befreiten Runner den Van an der Ecke anhielten, um sie aufzusammeln. Kats Deck piepste ein letztes Mal, signalisierte damit sechs Minuten vor Ort. Es dauerte noch weitere drei Minuten, bis Knight Errant sich in ganzer Kraft zeigte. Bis dahin waren die Runner längst verschwunden.

Kapitel X: Was Passiert Waehrend der Down Time?

Über dem Stuffer Shack zerfiel die Morgendämmerung in violette und rote Flecken. Kat parkte in der nahezu leeren Straße und stieg aus ihrem Americar, Fluff in die Armbeuge geklemmt. Haegemon und Kitsune warteten beim Eingang. Kitsune zappelte nervös herum und sah sich um: „Wo ist JT?”

„Bei der Flucht aus dem Ork-Untergrund letzte Nacht sind seine Nähte aufgebrochen. Er ist jetzt bei mir zu Hause, schaut Trid und ruht sich aus. Ich hab ihm Zigaretten versprochen.”

Die Schamanin nickte zerstreut. „Ich hatte letzte Nacht einen Traum, Kat. Du kamst drin vor.”

Kat zuckte mit den Schultern und scherzte: „Nichts zu danken?”

„Ich meinte, ich träumte von meinem Geist-Totem. Fuchs sagte mir, ich solle dich warnen. Sie sagte, die Augen belügen das Herz, und dass du wüsstest, was das bedeutet.”

„Keine Ahnung. Kann sein, dass ich das mal auf einer Grußkarte gelesen habe, aber danke für die Botschaft.” Kat lächelte und trat durch die Schiebetüren. Kitsune und Haegemon folgten ihr, verschwörerisch miteinander flüsternd. Leuchtstoffröhren überfluteten das Stuffer Shack mit Licht, das allem die Farben nahm, wie Bleiche in einem Waschsalon.

„Du glaubst noch immer nicht an die Geister, stimmt`s?”

„Ich verstehe Magie. Was ich nicht verstehe, ist, wie du glauben kannst, irgendein großer Geist sei für deine Magie verantwortlich. Ich meine, sieh dir die Hermetiker an. Die haben keine Geister, aber Magie. Erklär mir mal, wie das zusammenpasst.”

Kitsune kicherte und stieß Kat in den Rücken. „Möglicherweise sind Decker und Schamanen gar nicht so verschieden.”

Kat blieb stehen, betrachtete ihre Freundin und wartete auf die Pointe.

„Schau, wir haben beschlossen, dass Fluff hier dein Geist-Totem ist – oder dein Hausgeist, wenn dir das lieber ist. Ich wusste nicht, dass Decker Hausgeister haben können, aber das hier ist die Sechste Welt. Da ist alles möglich.”

Haegemon lachte, und Kitsune fiel ein. Die Ironie, dass ausgerechnet Kat ein Kätzchen hatte, entging der Runnerin nicht, aber wenn sie das Tier im Arm hielt und die Haut rieb, wo sich die Erinnerungen an Flammen schwarz und vernarbt ins Fell gebrannt hatten, wusste sie, Fluff war für sie bestimmt. Mühsam zwang sie ein Lächeln auf ihre Lippen. „Ich weiß nichts von wegen Hausgeist, aber sie ist mein Glücksbringer.”

Der Nachrichten-Trid über der Kasse leierte etwas darüber, dass die Kicktraq Corporation von Trans-Union Intertech verklagt wurde, wegen der Bereitstellung extrem fehlerhafter Prognosen bezüglich Warentermingeschäften der TUI. Kat nickte dem Verkäufer zu, einem nervösen Teenager, auf dessen Namensschild „Sebastian” eingeätzt war. Sie musterte den Colt L36 in seinem Hosenbund und kicherte. Sie fragte ihn, wo das Katzenfutter war, und er zeigte auf Gang sieben.

Das Shack schloss nie. Jede Stunde brachte ihre besondere Zusammenstellung von Bedrohungen und Kunden. Fünf Uhr in der Früh steckte zwischen der „Nach-dem-Barbesuch” und der „Vor-der-Arbeit”-Sorte. Vertreter beider Gruppen streiften durch die Gänge. Kat manövrierte sich auf dem Weg zu Fluffs bevorzugten Leckerbissen an einem aufgedonnerten Paar in hautengem, weißem Leder vorbei und wich einer Mutter mittleren Alters und ihrem Sohn aus. Sie schloss sich den anderen bei der Spender-Bar wieder an, wo Kitsune ihren Strohhalm schon in einen „Ludivenko Lovely Soya Sloppy” mit „DoppeltSahne” versenkte. Sie sprachen übers Geschäft.

Haegemon sagte: „Wisst ihr, was ich nicht verstehe? Warum wollen die Stämme Council Island ausschließlich für sich?”

Kitsune lächelte und legte ihre Hand auf seine. „Erinnerst du dich, was ich über den Großen Geistertanz gesagt habe? Denk daran, wie viel die Stämme von sich selbst gaben, um die Existenz der NAN zu ermöglichen. Glaubst du nicht, dass sie etwas Privates und Spezielles verdient haben, das nur ihnen gehört?”

„Ich behaupte, wenn man einmal damit anfängt, Dinge exklusiv zu machen, verstimmt man damit einen Großteil der Leute, die man zu beeindrucken versucht. Ich glaube an den Kompromiss. Lass es für eine kleine Weile exklusiv sein, und dann lass jeden in den Genuss kommen.”

Kat hörte kaum zu, sie war an der Diskussion nicht interessiert. Während sie den beiden beim Streiten zusah, trampelte ein Troll auf den nahe gelegenen „Synthmeat Hot Dog”-Spender zu. Er war so groß, dass er sich ducken musste, um sich nicht den Kopf an dem von der Decke hängenden „Yummy Burger”-Schild zu stoßen. Sein Gesicht wirkte kindlich, mit einem Hauch von Schnurrbart, der wie angeklebt aussah.

Als er Kitsune sah, starrte er sie an und leckte sich über die Lippen. „So ‘ne hübsche Schnalle wie du sollte ihre Zeit nicht mit Bettnässern wie dem da vergeuden,“ dröhnte er. „Du brauchst ‘nen echten Mann”. Er rollte einen Ärmel nach oben, um ein Tattoo zu präsentieren – es stellte einen Troll dar, gekleidet wie ein Höhlenmensch, in der Hand eine Keule.

Kitsune sagte: „Ich soll sicher beeindruckt sein, weil du dich an die Familie Feuerstein erinnerst?”

Unwillkürlich lachte Kat auf und schüttelte den Kopf. Erst jetzt bemerkte der Troll sie. Kurz sah es aus, als wollte ihm vor Überraschung die Kinnlade hinunterfallen. Dann drehte er sich um und rannte ohne ein weiteres Wort aus dem Laden.

„Was war das denn gerade?”, flüsterte Haegemon und schaute dem fliehenden Troll durch den Gang nach.

„Ich hab diese Wirkung auf Männer.” Kat zuckte mit den Achseln und setzte Fluff auf den Boden, um sich selbst einen Soycaf einzuschenken.

Sie fühlte die Explosion, ehe sie sie hörte. Die Wucht der Detonation erschütterte den Soycaf-Spender, heiße Flüssigkeit ergoss sich über ihre Hände. Sie stolperte rückwärts und drehte sich um. Rauch füllte das klaffende Loch, wo die andere Seite des Ladens gewesen war. Fluff jammerte und machte einen Buckel. Die anderen Kunden rannten schreiend zum hinteren Teil des Ladens.

Vier Orks und Kitsunes Troll-Verehrer traten durch den Rauch. Der Anführer hatte einen pinkfarbenen Iro und ein blaues Auge. Er zeigte auf Kat. „Gebt uns die Deckerschlampe, und keiner wird verletzt.”

„Du machst wohl Witze”, sagte Kat, aber niemand lächelte. Die Orks waren mit Schlagringen und Pistolen bewaffnet, und der Troll zog ein Schwert, das so lang wie Kitsune war.

Leicht zitternd, wandte sich Haegemon an Kat. „Der Kampf Mann gegen Mann ist nicht so mein Ding.”

„Ich bin für die Matrix zuständig, Haegemon. Warum, glaubst du, nennt sich JT Ein-Mann-Armee?”

„Nun, er ist jetzt nicht hier.”

Die Ganger der Crimson Crush schritten vorwärts, zwei deckten die Flanken in je einem Gang, während der schwertschwingende Troll die Stellung hielt. Jede Fluchtmöglichkeit war blockiert.

„Kitsune …”

Die Fuchs-Schamanin runzelte die Stirn. „Das sind zu viele für einen Manapfeil.”

„Das kann nicht dein einziger Angriffszauber sein!” Kitsune starrte sie an, wandte ihre Aufmerksamkeit dann aber schnell zu den Gängen neben denen der Ganger. Sie biss die Zähne zusammen. Ein Krachen wie von brechendem Fels stoppte die Ganger. Sie sahen sich um, als sie das zweite Krachen hörten und dann das dritte. Langsam dämmerte es ihnen, dass die Regale in den Gängen von selbst umfielen, wie von unsichtbaren Händen gestoßen. Entsetzt sahen sie, wie die Regale auf sie zustürzten. Soypasta-Schachteln und Dosensuppen regneten auf sie herab.

„Netter Spruch. Wie nennst du ihn?”

„Rammbock.”

Der Verkäufer gab einen wimmernden Ton tief aus der Kehle von sich und hämmerte auf den Panik-Knopf. Er zog nicht mal seinen Colt L36. Haegemon ging zu ihm und zeigte auf die zu Boden gegangenen Ganger. „Ich brauche nur ‘ne Packung Kippen. Der Rest geht auf deren Rechnung.” 

Kapitel IX: Der Hundemarken-Job

           JT lehnte an einer blinkenden Fußgängerampel und hielt sich die Seite, als befürchte er, es würde etwas herausfallen. Es regnete. Kat seufzte schwer und legte ihren Arm um Kitsune, während sie den Straßensamurai beobachtete, der sich unter seinem braunen Duster zusammenkauerte.

„Wir brauchen JT da unten in Bestform. Kannst du keinen Heilzauber wirken, wie du`s für mich getan hast?”

Kats eigene Wunden waren zu Narbengewebe verblasst. Würde Magie doch nur so gut bei den seelischen Narben funktionieren, die Ian Malcolm zurückgelassen hatte.

„Bei all dem Chrom, das er in sich trägt? Das wäre wie der Versuch, einen Vergaser zu heilen.”

Haegemon lehnte sich zwischen die beiden Damen. „Gebt dem Mann Zeit, wieder auf die Beine zu kommen. Heuert einen Adepten an.”

„Halt die Klappe, Haegemon. Was sagen deine Drohnen?”

Haegemon starrte hinauf zur Skyline, die von Regenwolken und Drohnen wimmelte: Paparazzi Schnüffler, Polizei-Wachen, Werbe-Androiden … jeder, der wissen wollte, was in den Straßen vorging, schickte eine Drohne in den Himmel. Haegemons Aufklärer-Drohnen verschmolzen mit dem Verkehrsfluss und lieferten eine Vogelperspektiven-Ansicht der Leute, die sie auszurauben planten.

Er stöpselte sich in sein Kontrolldeck ein und wartete, bis die digitale Realität ihn überflutete.

„Sie stehen vor Lordstrungs Kaufhaus. Der Würdenträger ist weiblich. Sie hat den Aktenkoffer an ihr linkes Handgelenk gekettet. Die Begleitmannschaft ist kleiner, als wir dachten, nur der Sicherheitschef und zwei weitere. Alle in dunklen Anzügen. Ihr könnt sie nicht übersehen.”

„Was, kein Magier?” JTs Lächeln sah eher aus, als würde ein Muskel zucken.

„Jedenfalls nicht offensichtlich.”

Kats Crew stand vor dem Big Rhino`s Restaurant , einem Mekka der Ork-Küche, derart bekannt, dass es regelmäßig in diversen Kochshows erwähnt wurde. Es war auch einer der wenigen öffentlich bekannten Eingänge zum Ork-Untergrund. Die Würdenträgerin der Cascade-Orks und ihre Mannschaft wollten Ahteen in einigen Tagen treffen. Kats Crew musste ihnen die wertvollen SIN-Dateien stehlen, ehe dieses Treffen stattfand.

„Ihr wisst, was zu tun ist?”

Alle nickten.

„Denkt daran: Sind wir erst mal unten, gibt`s keinen Funk mehr, also muss sich jeder an den Plan halten. Haegemon ist unser Aufklärer. Alles läuft über ihn. Dieses Mal verlassen wir uns auf Heimlichkeit und Verstand.”

Haegemon wollte etwas sagen, aber sie starrte ihn an, bis er den Mund schloss.

Wegen seiner Hauer fiel es niemandem auf, als Haegemon der Sicherheitsmannschaft durch Lordstrungs Kaufhaus und einen Nur-Metamenschen-Eingang zu den Tunneln folgte. Der Untergrund mochte ein sicherer Hafen für die Opfer der Goblinisierung sein, aber sie boten öffentliche Führungen an, damit die Lichter nicht ausgingen.

Hand in Hand stiegen Kitsune und JT die Treppen zum Big Rhino-Eingang des Ork-Untergrunds hinab. In den letzten Monaten waren weitere Touristen-Eingänge geöffnet worden, um der Nachfrage einer Stadt zu begegnen, die sich täglich weiter und tiefer auszudehnen schien. Natürlich deckten sie nur einen winzigen Bruchteil der riesigen Fläche ab, die der Ork-Untergrund tatsächlich einnahm. Die Touristen-Eingänge dienten offenbar dem Zweck, die „Normalos”, Politiker, Konzerne und Lone Star zufriedenzustellen, was bedeutete, dass die Mehrheit der Orks in Ruhe gelassen wurde – und genau so mochten sie es auch.

Kat ging zu einem dieser neueren Eingänge, ein paar Blocks südlich in einem Hotel namens Sourdough Station. Sie trug ein „Ich liebe Brooklyn”-Sweatshirt, die Kapuze tief in die Stirn gezogen. Die Schultasche schwang locker an ihrer Seite; sie wirkte wie ein Straßenkid auf der Suche nach etwas nachmittäglichem Nervenkitzel. Der Kassierer am Eingang nahm ihre fünfzehn Nuyen für den Eintritt entgegen und brummte eine Ermahnung, sie solle auf dem markierten Weg bleiben.

Kat schloss sich ein paar Touristen an. Die Hallen waren so eng, dass sie sich zusammenscharen mussten. Gespräche hallten von den niedrigen Decken zurück. Ein kleiner, rundlicher Mann behauptete, dass London gerade höchst angesagt sei. Sein Freund, der sich Eric nannte, stimmte ihm zu und bezeichnete es als das Tor zu Tir Na Nog. Sie verwickelten einen hochgewachsenen Bücherwurm ins Gespräch, der sich als Professor Nicholas Russel vorstellte. Der Professor ließ sich langatmig über den gesellschaftlichen Wert des Untergrunds aus, während Kat Galle schluckte und sich fragte, ob es wohl so sein mochte, wenn man eine SIN hatte. Falls ja, war sie nicht sicher, ob sie ihren Lebensstil gegen ein geregeltes Einkommen, Urlaube und inhaltsleere Gespräche tauschen würde.

Weiter vorn strebte die Menschenmenge östlich, der Sicherheit der markierten Touristenpfade entgegen. Eine Handvoll eher abenteuerlicher Gestalten trieb es zu einer Bar, deren pinkfarbenes Neon-Schild den Namen B-lo verkündete. Haegemon stand neben dem Eingang und gab sein Bestes, einen gelangweilten Ortsansässigen zu mimen, der zu entscheiden versuchte, ob der Club seine Zeit wert war. Er neigte den Kopf, und Kat schaute nach, worauf er deutete: Fünf identisch gekleidete Orks marschierten auf den Club zu. Ihre übertrieben muskulösen Arme waren offensichtlich chromverstärkt und barsten förmlich durch die Nähte ihrer Anzüge von der Stange. Die Männer formten eine Phalanx um eine hochgewachsene Ork-Frau, die in einem leuchtend blauen Hosenanzug steckte, der die blasse Haut und ebenholzfarbene Hauer hervorhob. Kat interessierte sich jedoch mehr für den leitenden Sicherheitsoffizier: groß wie ein Troll, bärtig, das Kreuz so breit wie ein Kleiderschrank. Militärische Hundemarken der NAN klirrten vor seinem grauen Hemd.

Kat schauderte, sog die Anspannung der Situation ein. Haegemon dirigierte JT und Kitsune mit einer Reihe diskreter Handzeichen in Richtung der Ziele. Kats Herz schlug schneller. Es würde rasch gehen, und derart tief in feindlichem Gebiet würden sie keine zweite Chance bekommen.

Kitsune und JT hielten Händchen. Sie waren nicht wie Touristen gekleidet. Kitsune trug kniehohe Stiefel und einen langen, schwarzen Mantel. Ihr Haar war zu einem Knoten gewickelt, die Augen geschminkt, dazu trug sie tiefroten Lippenstift. Sie sah aus wie eine glatte Zehn. JT in seinem ausgeleierten CAS-Armee-Duster, Jeans und Seattle-Seahawks-T-Shirt, war eher eine Vier. Widerstrebend ließ er ihre Hand los, und sie tänzelte an die Bar, wobei sie alle Blicke auf sich zog. Während die Männer sie anstarrten, stolperte JT gegen den Sicherheitschef.

Es dauerte eine Sekunde, bis der Mann begriff, was passiert war. Er griff sich an den Hals, wo eben noch seine Hundemarken gewesen waren, doch da tat Kitsunes Manapfeil schon seine Wirkung, und die Würdenträgerin ging zu Boden. Jemand kreischte, ringsum brandete Geschrei auf. Plötzlich gab es Rauch, als Kitsune einen zweiten Zauber losließ. Ins gellende Kreischen mischten sich verwirrte Schreie. Dann rief irgendjemand: „Feuer!”, und alles stürmte zur Tür.

Der Sicherheitschef schrie seinen Männern zu, sie sollten JT verfolgen, während er seine Waffe zog, um die Würdenträgerin zu schützen.

JT knallte gegen Kat, und sie taumelte, als würde sie das Gleichgewicht verlieren. Aber statt zu Boden zu gehen, fiel sie gegen die Wand und sicherte die Hundemarken, die JT ihr gerade übergeben hatte.

Kat hatte diesen Teil vor dem Spiegel immer wieder geübt, und hoffte, schnell genug zu sein. Sie entnahm den Speicherkern aus der Hundemarke und steckte ihn in ihr Cyberdeck, ein Sega CTY-360. Halb gegen die Wand gelehnt, stöpselte sie sich ins Deck ein, machte kurzen Prozess mit der kümmerlichen Sicherheitssoftware der Marken und kopierte alle SIN-Dateien.

Als sie sich aufrichtete, sah es ganz natürlich aus. Sie ließ die Hundemarken fallen und wich zurück, als würde der Tumult sie verängstigen. Die ganze Operation dauerte keine acht Sekunden.

Zwei Wachen verfolgten JT, schrien ihm nach, er solle stehen bleiben. Einer von ihnen bemerkte die Hundemarken auf dem Boden und blieb stehen. Der dickhalsige Ork hob die Marken auf und pfiff seinen Partner zurück.

Kat beobachtete den Ausgang ihres Auftritts durch kurze Blicke über die Schulter, während sie sich unter die Touristenmenge mischte, die zu den Ausgängen drängte. 

Kapitel VIII: Der Ork und der Drache

          Strouther hatte es abgelehnt, sich im “Matchsticks” mit ihnen zu treffen, was alle nervös machte. Die vier Runner fuhren in aller Stille durch die Straßen von Bremerton. JT rutschte unruhig auf dem Rücksitz herum, versuchte bequem zu sitzen, ohne seine Verbände zu belasten. Angesichts der Tatsachen, dass JT angeschossen worden war und sie sich mit einem Drachen anlegten, wusste Kat nicht, ob sie zu einem Treffen fuhren, oder in einen Hinterhalt.

Sie erreichten die GPS-Koordinaten, als die Sonne in den Morgenhimmel aufstieg. Sie hielten neben einem großen, blauen und mit Vogeldreck gesprenkelten Haus an den Docks. Sein Anstrich war alt und platzte ab, das Dach war von dicken Moosflecken bedeckt. Es sah aus, als wäre es schon vor Jahren verlassen worden.

Kat hüpfte aus dem Wagen und ging auf das Haus zu – Kitsune, JT und Haegemon dicht hinter ihr.

JT bewegte seine Hand in Richtung der feuchten, verrottenden Tür, zögerte dann aber: “Sollten wir anklopfen? Weil…ich hab so ein Gefühl, als würde diese Tür zusammenbrechen, wenn ich nur zu heftig in ihre Richtung atme.”

“Oh, zur Hölle damit.” Kitsune verdrehte ihre Augen und drehte den rostigen Türknauf. Sie trat ein, ohne sich die Mühe zu machen, sich anzukündigen. JT zuckte die Schultern, folgte ihr und nickte den anderen zu, es ihnen gleich zu tun.

Beim Eintreten traf sie eine Luft, die drückend war von Staub und etwas, das wohl die Überreste von tausend toten Insekten war. Kat erspähte den Zwerg Julius Strouther zu ihrer Linken – Er schritt die Längsseite eines staubigen Metalltisches mit vier Stühlen auf einer, und einem Stuhl auf der anderen Seite, ab. Er wirkte nervös.

Kat begann zu sprechen, überlegte es sich dann aber anders. Stattdessen ging sie schnell hinüber und trat in sein Blickfeld. Er schaffte es sowohl aufgeschreckt als auch erschöpft auszusehen. Er deutete schweigend auf die vier Stühle und nahm seinen einsamen Platz ihnen gegenüber ein. Kat half JT auf einen der Stühle und setzte sich neben ihn. Die anderen setzten sich ebenfalls und warteten darauf, dass ihr Schieber begann.

Strouther hustete in seinen Ärmel. Er wischte sich über`s Kinn und starrte Kat an: “Habt ihr gut hergefunden?”

“Ja, Strouther. Scheiße, warum hast du uns hier rausbestellt?”

Er zuckte mit den Schultern. “Die Daten, die du mir beschafft hast, waren gut. Zu gut – Mr. Johnson denkt, sie geben ihm die nötige Feuerkraft, um Ahteen offen herauszufordern.”
“Du meinst, er hat es auf seine Unternehmen abgesehen?”

Strouther machte eine Pause, fischte nach einer Zigarette und klappte mit seiner anderen Hand ein Feuerzeug auf. Er nahm einen langen Zug, dann fuhr er fort.

“Nein. Ich meine, er ist hinter ihm her.”

Kat sah seine Hand zittern, als er einen zweiten Zug nahm. “Wir wissen seit einiger Zeit, dass Ahteen ein Privathaus auf Council Island unterhält. Wir wissen auch, dass die Insel ausschließlich den Stammesinteressen der NAN dient. Unser Mr. Johnson konnte nicht verstehen, womit ein koreanischer Drache sich einen Platz in bester Lage, auf einer Insel voller amerikanischer Ureinwohner, verdient hat.”

Haegemon schaltete sich ein. “Was gibt es da zu verstehen? Ahteen ist ein Drache. Wenn du “Nein” sagst, frisst er dich und brennt dein Dorf nieder…oder irgend so ein Drek.”

Kitsune sprach: “Unsere Stämme sind verantwortlich für den großen Geistertanz. Ahteen kann nicht einfach Besitzansprüche an unserem Heiligen Land geltend machen, und erwarten, dass wir darüber hinwegsehen. Wenn wir an einem Strang ziehen, haben wir die Macht, zurückzuschlagen. Davon abgesehen, ist das immer noch Dunkelzahns Reich. Ich bin nicht sicher, ob Ahteen überhaupt das Recht hat, hier in den Krieg zu ziehen.”

Kat sah das Gespräch entgleiten. Sie räusperte sich laut und fragte: “Also, was hat sich geändert?”

Strouthers wandte sich ihr zu: “Er hat deine Daten gesehen.”

Die vier Runner wechselten Blicke, konnten die Verbindung nicht ganz verstehen.

Strouther stieß eine Rauchwolke aus, und fuhr fort: “Was Kat gefunden hat, war im Wesentlichen ein Service-Auftrag. Ahteen verschob wichtige Handelswaren zum Stamm der Cascade- Orks. Die Waffen repräsentieren seinen Teil des Deals. Im Gegenzug liefern die Orks ihm vier Dutzend saubere SINs.”

Ein Raunen ging durch die Runner. Keiner der vier hatte überhaupt eine SIN. Kat hatte sich das mal angesehen, aber die Kosten für eine einzige System-Identifikations-Nummer waren astronomisch hoch. Selbst dann, war eine SIN entweder von einem unterdrückten Lohnsklaven gestohlen worden, oder sie gehörte zu einer Leiche. Nur Regierungen hatten die Macht, neue SINs zu generieren – Regierungen wie die NAN.

Kat pfiff: “Willst du damit sagen, die Cascade-Orks haben diese SINs für ihn erschaffen? Warum sollten sie das tun? Warum sollte er sie brauchen?”

Strouthers Aufmerksamkeit wanderte von den Dachsparren zur Tür, und zurück zu Kat. “Das liegt jenseits meiner und deiner Einkommensklasse. Was ich weiß – basierend auf den Daten – ist, dass die Cascade-Orksmorgen Nacht mit diesen SINs eintreffen. Sie treffen sich in zwei Tagen im Ork-Untergrund mit einem von Ahteens Kontakten.”

Haegemon zuckte zusammen: “Es gibt einen Spruch da unten: Keine Hauer – keine Bedienung!”
Strouther rutschte auf seinem Sitz herum, seine Aufmerksamkeit galt wieder den Dachsparren. Dieses Mal bemerkte JT es, und seine rechte Hand legte sich auf seinen Schoß, wo ein Ruger Super Warhawk – Revolver wartete.

JT blaffte: “Du hast Kats Frage noch nicht beantwortet, Strouther. Was dagegen, uns mitzuteilen, was dich so erschreckt hat, das du uns hier raus bestellen musstest?”

Die Augen des Zwergs hefteten sich auf den Straßensamurai. ” Was dagegen, das Blasrohr woanders hin zu richten?”

Kat konnte fühlen, wie Spannung die Luft wie Gas füllte. Sie streckte ihre Hände aus, Handflächen nach oben. “Wir alle haben`s bemerkt, Julius. Erzähl uns jetzt, was los ist, oder wir sind hier fertig.”

Der alte Schieber beugte sich vor, nahm einen tiefen Zug an seiner Zigarette und lachte: “Kat, vielleicht solltest du deinen Chummern hier mal erzählen, worauf sie sich eigentlich eingelassen haben. Oder…soll ich ihnen von dem Kopfgeld erzählen, das auf dich ausgesetzt ist?”

Sie konnte fühlen, wie die anderen sie anstarrten. Haegemon schob seinen Stuhl weg, als ob die Handvoll Zentimeter einen Unterschied machen würden. Sie unterdrückte den Drang, ihn zu verfluchen, und sagte: “Seht mal, Leute, das ist keine große Sache – nur ein Missverständnis. Es hat nichts mit dem hier zu tun.”

JT knurrte: “Klingt aber wie `ne große Sache, Kat.”

Strouther fuhr fort: “Mitglieder der Crimson Crush kamen gestern in den Club und stellten Fragen. Sie haben mir sogar ein paar Nuyen zukommen lassen, damit ich es weitersage. Nachdem sie nicht mehr verschwanden, entschied ich, unser Schwätzchen etwas weiter außerhalb abzuhalten. Ich glaube nicht, dass man mich verfolgt hat, aber so nahe an einer Zielscheibe dran zu sein, macht mich nervös. Du wirst zu heiß, um mit dir abzuhängen, Kat.”

Ihre Handflächen fühlten sich feucht an. Sie rieb sie an den Armlehnen, während sie ihre Gedanken sammelte. “Ich wollte meine Mannschaft nicht ablenken. Das Kopfgeld ist meine Sache. Ich werde das regeln. Jetzt lasst uns darüber reden, wie drei Normalos in den Ork-Untergrund marschieren und einen Raubüberfall durchziehen.”

JT starrte Kat für einen langen Moment an. Dann seufzte er und legte seine Schießhand auf den Tisch, mit den Fingern nervös klimpernd. “Okay, zum Geschäft. Mit welcher Art von Sicherheit haben wir`s zu tun?”

Strouther schien bei der Frage zu entspannen. Er sagte: “Die Laufarbeit hierzu habe ich erledigt. Die Cascade-Orks schicken einen ihrer Würdenträger, dem fünf Mann zu seiner Sicherheit zugeteilt sind. Der Würdenträger wird einen Aktenkoffer tragen, der an sein Handgelenk gekettet ist. Meine Kontakte sagen, der Aktenkoffer ist eine Attrappe. Die SIN-Daten befinden sich auf einem Set Erkennungsmarken, die der Sicherheitschef trägt. Ihr müsst an diese Erkennungsmarken rankommen, und sie entweder klauen, oder eine Kopie der Daten ziehen.”
Haegemon lehnte sich zurück, sich die Stoppeln unter seinem Kinn kratzend: “Wo findet der Austausch statt?”

“Auf Ahteens Anwesen auf Council Island. Er richtet ein privates Konzert aus und plant den Austausch während des Konzerts vorzunehmen.”

Kitsune warf ihre Hände hoch: “OK, das war`s dann. Wir nehmen uns jeder unseren Anteil und gehen nach Hause. Es gibt keine Möglichkeit, mit der Ausrüstung die wir brauchen, auf Council Island zu gelangen, geschweige denn, in Ahteens Schlupfwinkel einzubrechen.”

Der Zwerg nahm einen weiteren Zug an seiner Zigarette. “Wenn ihr wollt, gibt es einen Weg. Ich verstehe aber, wenn ihr nicht weitermachen wollt. Ihr habt jedes Ziel erreicht, das ich euch gesetzt habe, und mit den Nuyen, die ihr gemacht habt, kommt ihr ein paar Monate über die Runden. Wenn ihr nicht wollt, Nullo Problemo. Ich habe eine andere Mannschaft – die von Ankh – die die Arbeit erledigen kann.”

Er log. Sie wusste es. Jeder Schieber hatte einen Plan B, aber Ankhs Crew benutzen zu wollen, war ein weiteres Sticheln in ihre Richtung. Er wusste, sie würde niemals zulassen, dass Ankh ihr einen Job wegnahm. Das hier war Kats Chance auf Rache. Sie wusste es und Strouther wusste es.

Kat stand auf und schüttelte den Kopf: “Wir bringen zu Ende, was wir angefangen haben.”
JT gluckste und verlagerte unbehaglich seine Position: “Redest du von uns allen?”
Kat starrte ihn nur zornig an.

Kapitel VII: Traeumen Maschinen von Zaertlichen Beziehungen?

          „Ian Malcolm?” Kitsune trommelte mit den Fingern gegen den Couchtisch. Sie ähnelte Fuchs heute ganz besonders. Ihr langes schwarzes Haar hing gerade herab, und umrahmte ihr Gesicht in einer Weise, die die Aufmerksamkeit auf ihre Adlernase und die schmalen Lippen lenkte.

„Ich weiß, was du denkst, Kitsune, aber das ist lange her.” Kat schüttelte ihren Kopf und sah zu Boden; mit dem Zeigefinger kleine Kreise im Teppichmuster nachfahrend.

Haegemon gesellte sich zu den beiden Frauen auf dem Boden von Kats Loftwohnung. Er und Kitsune waren vorbeigekommen, nachdem sie das geklaute Zeug versteckt und den Wagen entsorgt hatten. Währenddessen hatte Kat Fluff nach Hause gebracht, und eine angespannte halbe Stunde damit verbracht, herauszufinden, wie schwer JT verletzt war. Sie verbrachte die Zeit rauchend – schmorte förmlich in dem Verlangen danach, alle Waffen wieder aus ihrem Versteck zu holen, und JT zu rächen. Doch der Hunger nach Rache blieb – steckte in ihrer Kehle, wie ein unterdrückter Schrei. Kat konnte ihre Rache nicht ausleben, also tat sie was sie immer tat: sie wendete sich einem neuen Problem zu, um das alte zum Schweigen zu bringen.

Unglücklicherweise war das neue Problem – die Parsec-Datei – eines, das zu lösen sie nicht im Stande war. Fünf Minuten zuvor hatte sie den Anruf bekommen, dass JT die Operation gut überstanden hatte. Das Projektil hatte alle wichtigen Organe verfehlt, und er ging davon aus, rechtzeitig für den nächsten Job wieder auf den Beinen zu sein. Aber so schnell wie ihre Begeisterung darüber gekommen war, so schnell verschwand sie auch wieder, als ihr klar wurde, dass der nächste Job darin bestand, die Datei zu entschlüsseln.

Es gab nur einen Weg, das zu bewerkstelligen. Oder, besser gesagt, eine Person, die das konnte…

Haegemon löste Kat kurz aus ihrer Teppichfixierung: „Ian Malcolm …ich kenne den Namen. War er nicht in die Maximillion Sache verwickelt, oder sowas? Er hat mit Atarun und Trakkesh gearbeitet, stimmt`s?”

Kitsune zuckte die Schultern und fügte hinzu: „Er war mit Kat zusammen.” Sie lächelte schief und zuckte Haegemon mit ihren Augenbrauen zu.

„Uuuu-huuu. Kat! Sauber!” Haegemon schlug ihr leicht auf die Schulter.

Kat achtete nicht auf ihn. Stattdessen wandte sie sich an Kitsune: „Kitsune, sag mir einfach, was ich anziehen soll, und dann schert euch beide hier raus.”

Kitsune lachte und schüttelte ihren Kopf, tat aber was man ihr aufgetragen hatte. Sie verpasste Kat einen NuZoot Wickelrock aus Plastik, der ihr Cyberbein hervorhob und ein dazu passendes GloPunk Oberteil mit Schaltkreis-Muster. Bald waren die andern gegangen und Kat war alleine in ihrem karg möblierten Appartement und wartete darauf, dass die Türklingel läutete.
Und das tat sie.

Fluff kroch aus ihrem Versteck unter der Couch und tapste zur Tür. Sie schnüffelte am Boden um den Eingang herum, hüpfte auf die nahegelegene Küchentheke und hockte dort wie ein Geier. Kat glättete ihren Rock als sie zur Tür ging. Als sie ihre Hand auf den Türknauf legte, fühlte sie ihren Brustkorb eng werden. Sie atmete tief ein, hielt die Luft einen Moment an, und zog die Tür auf.
Ian Malcolm war noch immer atemberaubend. Dieses Lächeln und die tiefliegenden Augen führten sie gerade weit genug in der Zeit zurück, um sich in ihren Erinnerungen zu verlieren. Er zwinkerte ihr zu und rieb ihre Wange mit seinem sanften Daumen – eine Berührung, die so vertraut war. Als sie ihren Mund öffnete, um ihn zu begrüßen, unterbrach er sie. „Ich wusste, irgendwann würdest du etwas von mir brauchen.”

Sie schaffte es, ein kleines Lachen auszustoßen. Ihr Brustkorb war wieder enger geworden und ihre Haut war heiß und prickelte. Als sie zur Seite trat, um ihn hereinzulassen, schlüpfte er an ihr vorbei, sein Arm flüchtig an ihrem Bein entlang streifend. Bei all seinem guten Aussehen, war Ian so subtil wie ein Troll auf BTL.

Ganz plötzlich erinnerten sich ihre Lippen wieder daran, wie man sich bewegte. „Du…du siehst gut aus, Ian. Die Schatten sind gut zu dir.” Sie neigte ihren Kopf nach unten und sah durch ihre Wimpern zu ihm auf.

Er grinste sie an. „Dich auch, höre ich. Das Gerücht geht um, du, Kitsune und JT habt jemanden zu eurer Crew dazu geholt.”

Kat brachte ein scheues lächeln zustande und bot ihm einen Drink an. Er nahm ihn an, während er sich im Zimmer umsah. Trotz des großen Raumes stellten die Couch und der daneben stehende Stuhl die einzigen Sitzplätze dar. Sie bot ihm einen Platz auf der Couch an, und setzte sich neben ihn.

„Also…” Kat räusperte sich. „Du triffst dich noch immer mit dieser Göre, Cathy Dekker? Du mochtest ja schon immer Messer-Mädels.” Sie versuchte angestrengt, lässig zu klingen.
Er wechselte gekonnt das Thema. „Wenn schon – du spielst immer noch Verstecken mit Gangern? Ich hab gehört, die Crimson Crush haben ein Kopfgeld auf dich ausgesetzt. Was hast du getan, um sie derart gegen dich aufzubringen?” Ian zog eine Augenbraue fragend nach oben.
Gut – Arbeit. Über Arbeit konnte sie reden. „Die Crush waren die unglücklichen Opfer eines Runs. Aus irgendeinem Grund möchten sie mich für das verantwortlich halten, was ihnen passiert ist.”
„Vermutlich, weil es deine Schuld ist. So läuft`s für gewöhnlich, oder? Du machst irgendwas Dummes und gibst die Schuld dann dem Schicksal, den Passatwinden oder was auch immer Kitsune dir gerade an Drek ins Hirn gestopft hat.” Er grinste und versteifte sich dann, als er ein leises Grummeln aus der Küche hörte.

Kat lächelte. „Hui. Fluff mag dich jetzt schon nicht. Schätze, sie hat einen guten Geschmack.”
„Was zur Hölle ist ein Fluff?”

„Meine Katze.”

„Du hast eine Katze? Seit wann das denn? Und wie viele mehr wirst du dir zulegen, jetzt, wo du Single bist?”

„Du bist ein Arschloch.”

„Nein, ich bin Pragmatiker. Du willst etwas von mir. Also sei nett.”

Kat seufzte und ließ sich in die Couch zurücksinken. „Gut. Ich brauche deine Hilfe bei einer Datei. Sie ist in Parsec geschrieben, und du bist der Einzige, den ich kenne, der sie hacken kann.”

Er lachte.

„Das ist kein Witz, Ian. Ich bin bereit, dich für deine Hilfe zu bezahlen.”

„Ich will deine Nuyen nicht, Kat. Ich will nur, dass du zugibst, dass du mich dir das schon vor Jahren hättest beibringen lassen sollen. Parsec ist eine wertvolle Maschinensprache.”

„Weshalb, nur weil du und ein Haufen Programmierer es als die Zukunft betrachtet!? Sieh mal, Ian, in all den Jahren, in denen ich Runs durchziehe, bin ich nur auf eine Datei gestoßen, die es benutzt. Also erzähl mir doch bitte nochmal, warum es so “wertvoll” ist.”

Ian verschränkte seine Arme. „Würdest du die Kaufkraft aller Hacker im Sprawl zusammenfassen, würdest du feststellen, dass der finanzielle Ausstoß dieser einen Gruppe, alle anderen übertrifft.”

„Ja, wenn das wahr wäre, wüsste es jeder, aber das tut keiner!” Kat fing an zu schreien. Das lief nicht nach Plan. Sie wollte das hier nicht in den 1093. Streit mit Ian verwandeln.

„Es geht nicht um uns, und das weißt du, Kat. Parsec ist die Hackersprache. Sie ist nicht im Besitz irgendeines MegaKonzerns. Sie stammt von Runnern wie dir und mir. Du solltest ihr Beifall spenden, anstatt dich jedes Mal vor den Füßen Mitsuhamas zu verneigen, wenn du in die Matrix einloggst.”

Verdammt. Er war so vernünftig. Kat seufzte, „Okay, ich weiß zwischen uns lief es falsch, und eine Menge davon geht auf meine Kappe, aber ich brauche das hier, Ian. Also, wirst du mir helfen?”

Er zeigte ein breites Lächeln.

„Bitte.” Sie starrte ihn an.

Es kostete sie ein Abendessen und einen Anruf bei Doc Maplethorpe, um Ians Messer-Mädchen eine Beratung zu verschaffen; aber er stimmte zu, die Datei zu knacken. Sobald sie es lesen konnte, traute sie ihren Augen nicht bei dem was sie da sah.

Kapitel VI: Schleichen

          Lass dich nicht mit Drachen ein. Kat wünschte, sie hätte dieses Gesetz der Straße vor Jahren befolgt, bevor sie den Job für Patrick Goodman übernahm. Bevor sie und ihre Crew als Drachenfutter endeten. Und doch – Schamanen à la Kitsune zufolge, dreht sich im Leben alles um den Ausgleich: letztendlich findet jeder einen Weg das Unrecht, das er begangen und das man ihm angetan hatte, zu korrigieren.

Es war dieses Gefühl der Hoffnung und des blinden Vertrauens, das sie antrieb, auf ihrer Fahrt den dunklen Abschnitt der Interstate 5 bei Everett entlang; auf dem Weg, ein geheimes Waffenlager des Drachen auszuräumen, der ihr das Bein abgebissen hatte. Ihr Schieber bezeichnete den Job als “Zwischenziel”: als etwas das über die ursprüngliche Aufgabe hinaus ihre Taschen füllen, und Ahteen ein wenig mehr ärgern würde. Aber sie wollte ihn nicht bloß ärgern – sie wollte ihn töten. Und der Run heute Nacht würde sie diesem köstlichen Sieg näher bringen.

JT lümmelte sich im Heck des geklauten Lieferwagens. Er sprach mit einer Stimme, die Verlust beklagte. “Früher kam man nur aus drei Gründen nach Everett: Um als Lohnsklave für Boeing zu arbeiten; um als Wanderratte immer dann aufzutauchen, wenn die “USS Koontz” im Hafen anlegte…” er seufzte und verstummte beim Blick aus dem Fenster.
“Und der dritte Grund?” Warf Kitsune ungeduldig ein.

Sein Blick blieb an den vorbeiziehenden Kiefern hängen, als er mit flacher Stimme antwortete: “Wenn man in Ketten lag.”

Everetts neues Wachstum zeigte sich am nächsten an den Highways. Da waren Restaurants und Ladenfronten, wo einst nur leere Baugrundstücke gelegen hatten. All diese Neubauten drängten sich in den stillen Schatten der Justizvollzugsanstalt Darrington.

Mit Alcatraz kamen die Hochsicherheitsknäste auf. Nach dem Erwachen, und dem anschließenden Zerfall der Vereinigten Staaten, wurde das System privatisiert. Es gab Gerüchte darüber, was mit Runnern passierte, die verurteilt und in ein “SuperMax” geschickt wurden. Schattenläufer waren SINlose Individuen. In keinem der üblichen sozialen Netze gemeldet. Und ohne ihren Namen im System konnte ein Bulle mit ihnen anstellen, was immer er wollte – vor allem, wenn er einen gewissen Groll hegte. Und die JVA Darrington wurde von Ares betrieben.

Haegemon unterbrach die Stille: “Hat mal einer von euch gesessen?”

Kitsune entgegnete: “Ich hatte einen Wochenendarrest wegen des Verkaufs von BTL-Chips, als die Dinger noch der letzte Schrei waren. Ist schon lange her.

Kat sah JT an. Der Samurai kratzte an seinem Mantel herum, nicht bereit zu antworten. So blieb es, bis Kitsune den gestohlenen Wagen von der Straße herunter, hinter den Zaun eines Lagerhauses nördlich der Marinewerften lenkte. Die vier Runner stiegen aus und überprüften ihre Ausrüstung.

“Der selbe Plan, Leute.”

Kitsune starrte zu Fluff hinüber, die, zusammengerollt in Kats Armen liegend, besonders selbstgefällig erschien. “Nicht ganz der Selbe.”

“Richtig. Kitsune wird mit Fluff von hier aus die Überwachung leiten. Diesmal erwarten sie Orks, also wird Haegemon die Führung übernehmen. JT gibt die Deckung, falls Kitsunes Spruch wirkt.”
“Der Spruch wird wirken.” erwiderte Kitsune knapp. Sie atmete tief ein: Falten der Konzentration bildeten sich auf ihrer Stirn. Niemand sprach, während sie ihren Maskierungszauber wirkte. Je angestrengter sie versuchte, ihren Willen zu fokussieren, umso mehr wurde ihr Gesicht zu einer fleischgewordenen Karikatur ihres Totems: Fuchs. Das war ihre schamanische Maske; der körperliche Beweis für ihre wahre Macht. Nachdem der Moment vorübergegangen war, wischte Kitsune den Schweiß von ihren Schläfen. Kat sah JT an, überrascht, an seiner Stelle einen Ork stehen zu sehen.

Haegemon nickte anerkennend. “Schön und gut, aber ich glaube immer noch, für eine schleichende Infiltrierung wie diese, bräuchten wir einen Ki-Adepten. Einen von diesen Ninja-Typen.”

“Bullendrek. Wir gehen immer stark rein.” sagte JT mit Speichelspritzern auf seinen neuen Hauern. “Ich bin ein verdammter Straßensamurai. Ich bin mit schnellen Eingreiftrupps von Lonestar fertig geworden, und ich werde so sicher wie die Hölle auch mit Knight Errant fertig werden.”

Kat sagte, “Ich hab schon mit Adepten gearbeitet, und die sind erstklassig, aber dafür fehlen uns die Nuyen. Ich glaube, wir haben unsere Kasse schon überstrapaziert.”

Haegemon zuckte die Schultern.

“Ist jeder mit dem Plan einverstanden?” Kat sprach jetzt direkt Kitsune an.

Die Schamanin schüttelte den Kopf. “Ich kann diesen Spruch aufrechterhalten, aber das bedeutet, dass ich keine anderweitige magische Unterstützung leisten kann. Ihr werdet blind da reingehen.”

Kat nickte und wollte zum Lieferwagen, aber Kitsune hielt sie auf. “Ich stehe zu dir, Kat, aber das hier fühlt sich für mich noch immer falsch an. Warum sollte Ahteen einen Hort voller Waffen einigen hinterwäldlerischen Stammes-Orks überlassen? Du weißt, Drachen und Orks waren in der Vergangenheit nicht die besten Freunde. Ich denke einfach, Strouther ist in dieser Sache nicht ganz offen uns gegenüber.”

“Wir haben den letzten Auftrag vergeigt, Kitsune, und das geht auf meine Kappe. Aber wenn wir hier nicht punkten können, wird unser Johnson jemanden anderen finden, der es kann. Wenn ich mich in das System von Knight Errant hacken kann, werde ich versuchen herauszufinden, woher die Mitteilung bezüglich der Waffenlager ursprünglich stammt, aber uns gehen die Wahlmöglichkeiten aus.”

Kat und Kitsune kletterten ins hintere des Lieferwagens und schlossen die Trennwand zwischen Fahrerabteil und Frachtraum. JT übernahm das Fahren und Haegemon das reden. Einige Minuten später fühlte Kat, wie der Wagen erneut anhielt. Die nächsten Augenblicke waren angespannt und es wurde heiß im Lagerraum des Trucks. Kat konnte gedämpfte Stimmen von draußen hören und langsame Antworten von Haegemon. Jemand lachte, dann setzten sie sich wieder in Bewegung.

Als der Lieferwagen das nächste Mal stoppte, kam Haegemon um den Wagen herum und öffnete die Heckklappe. Er sagte: “Nullo Problemo, Freunde.”

“Was war dahinten los?”

“Sie dachten, JT wäre mein kleiner Süßer.”

Kat lachte laut. Sie standen an der Verladerampe eines der kleineren Lagerhäuser auf dem Grundstück. Es hatte etwa die Größe von drei nebeneinander gelegten Basketballfeldern. Kat joggte hinein, auf ihren Instinkt vertrauend, das Versandbüro zu finden. JT folgte ihr. Es war nach Geschäftsschluss, also erwarteten sie außer dem Sicherheitsdienst niemand zu sehen. Das Büro war dunkel, bestückt mit zwei Schreibtischen, überladen mit Versandetiketten, gestapelten Kisten, Barcode-Lesern und alten Fastfood-Schachteln. Sie hörte eine Ratte davon huschen und dachte an Fluff.

“Ich werde einige Sekunden brauchen, um durch ihren ICE zu brechen.”

Der weniger auffälligere Weg wäre gewesen, einen der Desktop-Computer zu hacken und durch diesen in die CPU zu reiten, aber sie brauchten schnellen Zugriff. Sie stöpselte einen der Computer auf dem Schreibtisch aus dem Matrix-Port, und ersetzte das Kabel durch das ihres Sega CTY-360 Cyberdecks. Die Verbindung lief über einen Orange-6. Eine Menge Sicherheit für ein Hafenlager – aber ihre aufgemotzte Resonanz-Hardware gab ihr das Gefühl sich in eine Video-Leih-Box zu hacken.

Kat schlüpfte am SAN vorbei und tauchte kopfüber in einen Datenspeicher. Die Dateien saßen dort und warteten nur auf sie. Sie lud alle relevanten Datennamen in eine Warteschlange, nur pausiert durch die genaue Untersuchung insbesondere einer Datei.

“Verdammtes Parsec!”, murmelte sie und trat gegen den Tisch.

“Probleme?”

“Ja, ich weiß, in welcher Box die Ausrüstung steckt, aber diese andere Datei kann ich mit meinem Betriebssystem nicht entziffern. Sie haben sie in einem anderen Betriebssystem kompiliert, das nur eine Handvoll Leute jemals benutzen.”

“Das ist heute nicht unser Problem, Kat. Lass uns den Kram schnappen und dann nichts wie raus hier.”

Sie nickte, verbrachte aber noch einige weitere Minuten mit dem Versuch, sowohl den Ursprung der Dateien herauszufinden, als auch den Auftraggeber für die Waffenkäufe und -Einlagerungen. Es gab siebzehn Lagerreihen. Was sie brauchten, befand sich in Reihe elf. Tatsächlich nahm es den größten Teil dieser Reihe in Anspruch. Dieses Waffenlager war nicht so klein, wie das zuvor. Hier drin waren genug Kanonen, um einen ganzen Zug Soldaten auszurüsten.

JT pfiff leise. “Jesus, Kat. Was denkst du, hat Ahteen mit all den Waffen vor?”

Sie schüttelte ihren Kopf und beide fingen an, Kisten zu öffnen, während Haegemon zwei Transportkarren herbei schaffte. JT und Haegemon verbrachten zehn Minuten damit, Ausrüstung in den Lieferwagen zu laden. Als sie fertig waren, bogen sich die Achsen unter der Last von Sturmgewehren, Granaten, sogar einem Paar Raketenwerfer. Und sie hinterließen keine sichtbare Lücke in den Lagerbeständen.

Kitsune saß im Schneidersitz im Heck des Wagens und streichelte Fluffs Fell. “Zeit zu verschwinden, Leute. Wir sind schon zu lange hier.”

Haegemon stieg wieder vorne ein. JT sicherte die Ladung im Heck, dabei genügend Raum für Kat und Kitsune lassend. Aber Kat hatte nicht die Absicht zu gehen. Sie sah zurück zum Lagerhaus und sagte, “Wir können das Zeug nicht hier lassen.”

“Wir bräuchten acht weitere Trucks, um das ganze Material raus zu schaffen, Kat. Lass uns einfach nehmen, was wir haben und abhauen.”, erläuterte Kitsune.

“Dieses Waffenlager gehört Ahteen”, sagte Kat, “Entweder nehmen wir alles, oder wir zerstören es.”

Das überraschte sogar Fluff. Haegemon lehnte sich aus dem Fenster und murmelte, “Wir können mit der Ausrüstung, die wir geklaut haben, eine Menge anstellen, Kat. Wir brauchen nicht mehr, um erfolgreich zu sein. Das hier ist mehr als wir je zu bekommen erwartet hätten. Mr. Johnson wird mit der Beute zufrieden sein.”

“Aber das ist nicht alles. Überlegt, was wir rausgefunden haben. Ahteens Interesse hierin ist größer, als wir dachten. Wenn wir sein Lager in die Luft jagen, wird ihm das zeigen, dass jemand gewichtiges hinter ihm her ist.” Kat fühlte sich zerrissen.

Haegemon schnaubte. “Du willst ein Waffenlager hochjagen, um einen Drachen wissen zu lassen, dass du kommst?”

Kitsune knurrte, “Versau einen perfekten Run nicht damit, mehr abzubeißen, als wir kauen können. Wir kamen her, um ein einfaches “Hit and Run” durchzuziehen. Wir sind nicht darauf vorbereitet, ein Lagerhaus in die Luft zu jagen.”

“Aber alles, was wir benötigen ist hier. Das Lager ist voller Sprengstoff!”
JT trat hinter dem Truck hervor. Immer noch unter Einfluss des Maskierungszaubers stehend, ragten Reißzähne über seinen Mund wie bei einem Warzenschwein. Er knurrte, “Kat, hör auf, hier rum zu zicken. Du musst in den Laster einsteigen, bevor die Leute, denen diese Waffen gehören…”

Sie hörten beide gleichzeitig das Klicken. Hinter JT stand ein Ork, so plötzlich, als hätte er sich aus der Dunkelheit heraus materialisiert. Die schwere Ruger in seiner Hand stieß Feuer aus und JT schwankte nach vorne. Kat hörte ein anderes Klicken hinter sich und tauchte nach links ab. Ein zweiter Ork mit einer Remington Roomsweeper, eröffnete das Feuer auf sie. Schrotstücke schnitten in ihre Schulter und Rücken.

Haegemon startete den Motor, während Kitsune ihre Uzi durch die offene Heckklappe abfeuerte. Ein Feuerstoß stieß den Ork, der ihr am nächsten war, nieder und Kat kroch zu JT.

Durch zusammengebissene Zähne, hustete JT er könne noch laufen, und Kat half ihm auf die Füße und in den Wagen. Einen Augenblick später trudelte eine von Haegemons Drohnen in das Lagerhaus und bestreute die Stelle, wo der erste Schütze gewesen war, mit Deckungsfeuer.
Kitsune krabbelte über Haegemon, um in den Fahrersitz zu kommen. Als der Truck sich in Bewegung setzte, schrie sie: “Seid ihr beiden in Ordnung?”

Kats enganliegende Panzerung hatte die Hauptlast des Schadens geschluckt, aber JT war in den Rücken geschossen worden, wo seine Weste ihm weniger Schutz bot. Er brauchte sofortige medizinische Versorgung. Kat setzte den Notruf ab, seine blutverschmierte DocWagon Karte in einer Hand haltend. Sie las die Kartennummer einem gelangweilt klingenden Telefonisten vor. Auf jeder Stufe über der Basis-Absicherung, wäre das DocWagon – Team zu ihm gekommen, auch wenn das bedeutet hätte, sich durch eine Knight Errant – Einrichtung schlagen zu müssen. Aber wie es aussah, mussten sie erst noch einige Blocks hinter sich bringen, ehe Kitsune rechts ran fuhr, um auf die Ambulanz zu warten.

Haegemon starrte sie beide an. Er wartete, bis er die Sirenen hörte, bevor er sprach: “Das hier hätte nicht passieren müssen, Kat. Die Waffen zu bekommen ist eine Sache, aber wir wissen einen Drek darüber, wie man ungesehen rein und wieder raus kommt. Wie denkst du, sollen wir nahe genug an einen Drachen herankommen, um sie einzusetzen? Wir brauchen einen Adepten, Kat.” Er machte eine Pause. “Wir brauchen einen Adepten.”

Kat antwortete nicht.

Kapitel V: Triff meinen Rigger

          „Stuck`s Carnival” erschien quasi über Nacht im Arbeiterviertel Auburn. In einer Gemeinde, in der die Einwohner von der Hand in den Mund lebten, bot diese wilde, „alles geht”- Spielhölle, jedem eine Chance, mehr zu sein. Stuck nährte sich von dieser Hoffnung und wurde fett vom Gewinn. Mittlerweile war „Stuck`s” bis zu einem Punkt gewachsen, wo es praktisch als Kleinstadt durchging. Eine blühende Oase aus Neon und Glas, in der du dir – solange deine Nuyen flossen – zumindest so vorkommen konntest, als wärst du jemand.

Kats Crew wählte einen Innenhof der zwischen ein Bordell und einen Streichelzoo eingezwängt war. Es schien ein guter Ort zu sein, um neue Talente zu treffen. Wenn die Gruppe plante, weitere schnelle Fluchten durchzuführen, brauchten sie einen Rigger. Einstellungsgespräche mit potentiellen Runnern bestanden früher darin, einen Kerl in einer Bar anzusprechen und rauszufinden, ob man miteinander konnte. Aber Seattle wuchs, und die Suche nach der richtigen Mischung an Talenten war schwieriger als je zuvor.

Der erste Gesprächspartner, Larry, war überhaupt nicht an Runs interessiert. Er war nur aufgetaucht, um sie als Unterstützer für seinen Auftritt in einer Lounge, ein paar Blocks weiter, anzuwerben. Der zweite, ein ehemaliger Formel 1 Pilot namens Andrea Florio, wirkte sehr vielversprechend. Bedauerlicherweise bestand er darauf, dass sie sich alle italienische Sprachsoft zulegen sollten. Aber den dritten Kerl liebten sie sofort.

„Haegemon, richtig?” Er sah aus wie ein Trid-Show-Mechaniker: braune Haut, nachlässig gescheiteltes schwarzes Haar, dort wo ein Hauer aus der Seite seines Kopfes spross. Alte Jeans, eine bis zum Kragen geschlossene, gepanzerte Jacke und ein Tornister über der Schulter. Sein Lächeln entblößte weiße Zähne und polierte Reißzähne. Er nickte, und zog sich einen Stuhl heran.
„Seltsamer Ort für ein Treffen.” Haegemon betrachtete die Umgebung.

Kat sagte, „Wir dachten uns, wenn es mit uns nicht klappt, dann könntest du ein paar Nuyen an den einarmigen Banditen machen – damit sich die Reise für dich bezahlt macht.”

„Und da dachte ich, ihr hättet das hier gewählt, weil die Security hier sicherstellt, dass ich keine Knarre trage.” Sie plauderten auf diese Art; keine direkten Fragen über das geschäftliche, und doch diente jede Frage dazu, ein wenig mehr zu enthüllen, welche Art Runner sie da vielleicht anheuerten. Es dauerte nicht lange, bis Kat überzeugt war.

„Ich glaube, du bist jemand, an den wir uns gewöhnen könnten, Haegemon.”
Haegemons Augen wichen nie von Kitsune, egal wer sprach. Er sagte, „Ich freu mich schon drauf.”

JT schnaubte, „Ach ja? Dann geh mal sicher, dass dein DocWagon abbezahlt ist. Am bessten hebst du deine Absicherung auf Gold an.”

Haegemon zuckte die Schultern und zog eine goldene DocWagon Karte.

Kitsune beugte sich vor. „Ich würde gern dein Auto sehen. Was hast du eingebaut?”

„Oh, ich hab kein Auto. Drek, ich kann nicht mal fahren.”

„Wovon redest du? Wie kannst du riggen, ohne Fahrzeug?”

Haegemon lächelte. „Drohnen. Kleiner und wendiger als Autos und sogar Motorräder. Ich kann eine Drohne durch eine Tür schicken, sie zurücklassen, um eine Halle zu überwachen, sie auf einem Dach parken. Was auch immer für einen Job nötig ist.”

Einige Sekunden herrschte Stille. Endlich sagte Kat, „Ich glaube nicht, dass ein Drohnen-Rigger ist was wir suchen. Eigentlich suchen wir einen Fluchtfahrer.”

„Warum würdet ihr so was wollen?”

„Äh, Verzeihung?”

„Ich meine, warum würdet ihr jemanden wollen, der bloß beim abhauen nützlich ist, und vielleicht noch fürs hinfahren? Jemand wie ich kann euch extra Feuerunterstützung bieten, um Ecken schauen ohne beschossen zu werden, ja – sogar euren Abgang decken, so dass ihr euch nicht darüber sorgen müsst, verfolgt zu werden. Ein Fahrzeug-Rigger, der…naja, der wartet bloß im Wagen.”

Kitsune grinste, „Ich mag ihn.” Das schien nun wirklich offensichtlich.

Kat sagte, „Ich bin nicht überzeugt. Wärst du dazu bereit, mich dich mal in Aktion erleben zu lassen?”

„Was schwebt dir da vor?”

Kat nahm ihn mit auf eine kurze Fahrt die Interstate 5 hinunter, zum neueröffneten CloneZone – Einkaufszentrum. Kitsune fuhr. So spät waren alle Geschäfte geschlossen. Der nahegelegene, leere Parkplatz wurde von einem halben Dutzend Drohnen in der Größe von Toastern patroulliert, die zwischen den Lichtern herumschwirrten und abtauchten, wie Glühwürmchen aus Chrom. Kat stieg vom Beifahrersitz und zeigte auf einen Laden am Westende des Einkaufszentrums. Auf dem Schild über dem Eingang stand: “Microtronics”.

„Ich war letzte Woche dort und hab ein “Wiz-Response” – Upgrade entdeckt. Wenn du dich um diese Drohnen kümmern kannst, geh ich und hol es mir.”

Haegemon öffnete den Reißverschluss seines Rucksacks und entnahm ihm ein Rigger-Kontrolldeck. Er stöpselte ein Ende eines schwarzen Kabels in das Gerät und schob das andere in die Datenbuchse hinter seinem linken Ohr. Sofort unterbrachen drei der Drohnen ihr Bewegungsmuster und schwirrten zum Ostende des Einkaufszentrums. Kat verstand das als ihr Stichwort. Sie machte kurzen Prozess mit der Magnetschloss-gesicherten Hintertür und verschwand im Laden.

Fünf Minuten später war die Gruppe wieder auf der Straße, lachend, und versuchten zu entscheiden, wo man den Neuzugang feiern könnte. JT bot einen VIP-Pass für Orkgy, den Nackt-Ork-Club, an. Stattdessen fuhr Kitsune die Crew quer durch die Stadt zu einem Club namens “Jagged Nails”, wo sie gerne abhing. Sogar Kat hatte ihren Spaß. Sie verließ die anderen, ehe die Sonne aufging. Kat hatte immer noch einen Run zu planen, und sie vermisste wirklich ihr Kätzchen.

Kapitel IV: Der Ares Job

Bei einem Run ist das mit dem Erfolg so eine Sache. Kat bezeichnete das was in Redmond passiert war als Erfolg. JT bevorzugte einen anderen Ausdruck.

“Ein Massaker. Das halbverbrannte Katzenvieh hat uns um ein Haar unsere Ärsche gekostet. Und doch sind wir wieder hier. Eine neue Überwachung und dieselbe verdammte Mieze.” Frustriert fuhr er sich mit

den Händen durchs Haar.

“Sie ging auf diesen Ganger los. Davon abgesehen – was wissen wir schon? Vielleicht war es ein Elf, der sie verbrannt hat.”, nahm Kat ihr Kätzchen in Schutz.

“Nun, wir wissen dass ich angeschossen wurde, und irgendwie hast du es geschafft uns aus dem Schlamassel raus zu bekommen. Aber ich erkenne immer noch nicht, wie uns das hier weiterhilft.” Er stieß eine Reihe verächtlicher Laute aus.

“Hier” bedeutete South Downtown nach Einbruch der Dunkelheit. Der Himmel war von Seattles Neonlichtern violett gefärbt. Ein dickes Bündel Wolken versprach Regen, bot aber nur Trübsinn. Kats Crew wartete im Laderaum eines GMC Lasters, der in einer Reihe mit anderen PKWs und LKWs vor einem Block mit Häusern und Geschäften parkte. Eine Ladenfront, “DLC Services”, zog die Aufmerksamkeit des Teams auf sich. Laut öffentlicher Matrix koordinierte “Darren L. Carlyles Management Service” die Bau-und Unternehmens-Erweiterung für lokale Unternehmen. Wie auch immer, Kats Decker-Freunde auf Dumpshock wussten es war ein Unternehmen, mit dem der Ares-Konzern sein Schwarzgeld abschrieb. Ares benutzte DLC als Möglichkeit, legal Gewinne abzuschöpfen aus Waren, die sie bereits verkauft hatten. Sie unterhielten das Büro in der Niedrig-Sicherheits-Nachbarschaft von Tukwila, weil die Einwohner hier wussten, dass es besser war, keine Fragen zu stellen.

Kat streichelte Fluffs verkohltes Fell, “Sie werden eine Lieferung erwarten. Wenn wir geschmeidig bleiben, können wir es schaffen.”

Kitsune seufzte: “Ja, aber sie werden Elfen erwarten, und ich verfüge nicht über die Magie, um sie zu täuschen.”

“Es ist ein geschlossenes System. Du kommst nicht rein, es sei denn, du bist schon in Ares drin. Wir kleinen Decker haben Möglichkeiten es zu unterwandern. Ihr müsst mir hier einfach vertrauen. Wenn du und JT die Wachen ausschalten könnt, gibt uns das genug Zeit, uns die Waren zu krallen und zu verschwinden.”

“Und WENN es schiefgeht soll ich also darauf vertrauen, dass uns eine Schamanin hier rausfährt?” JT spuckte das “wenn” aus wie einen Knastfluch. “Oder vielleicht übernimmt der Flohsack das Steuer und fährt uns nach Hause. Doc Wagon verschenkt seine Mitgliedschaften nicht einfach, Kat. Ich hab meine noch nicht mal voll bezahlt. Wir brauchen einen Rigger.”
“Ein Rigger bedeutet die Beute durch vier zu teilen, anstatt durch drei. Vorläufig kann Kitsune fahren. Ganz nebenbei – wenn wir das hier richtig anstellen, wird kein einziger Schuss fallen.”

JT schnaubte: “WENN…”

Das DLC-Gebäude stieß an eine Gasse, die den Eingang zu einer Tiefgarage verbarg. Die Waffen waren irgendwo dort unten. Kat glaubte nicht, dass sie allzu viele Probleme dabei haben würden, zu ihnen zu gelangen: Knight Errant hatte nur rund ein Dutzend Wachen im inneren bereitgestellt, die sich auf ein Alarmsystem mit Überwachungskameras verließen. Weil das System nicht mit der Außenwelt verbunden war, dachte Knight Errant es würde Decker abhalten. Das tat es nicht.

Die drei Runner stiegen aus dem Van. Kat kroch voraus und stöpselte sich in ein Bedienfeld am Gebäudeeingang ein. Sie brauchte ein paar Sekunden, um den Alarm zu deaktivieren und alte Aufnahmen der Kameras in der Gasse und dem Parkdeck in eine Wiederholungsschleife zu legen. Alles was jetzt noch übrig blieb, war ein Paar Wachen, die das Umfeld patrouillierten. Durch das Kameraobjektiv sah Kat sie herankommen.

“Okay, Kitsune, dein Auftritt.” Durch die Kamera beobachtete Kat, wie die Schamanin ihre Hände hob, als leichter Dunst und Nebel vom Boden aufstieg. Der nähere der beiden Wachmänner bemerkte es zuerst. Er winkte seinem Partner und sie bewegten sich vorsichtig auf die Gassenmündung zu, die Waffen gezogen.

Kitsune trat hinter der Ecke hervor, die Hände jetzt in den Taschen ihres Mantels verborgen. Sie starrte die beiden Männer an, flüsterte etwas in ihrer Muttersprache, und beide stürzten zu Boden, als der Betäubungszauber sie traf.

JT sprang auf den Fahrersitz und lenkte den Laster in die enge Gasse hinein. Kat hob das Sicherheitstor, stöpselte sich aus und eilte ihrer Crew nach. Die Tiefgarage nahm die gesamte Grundfläche des Gebäudes ein. Am Nordende konnten sie ein kleines Sicherheitsbüro nahe einer Reihe Versandcontainer sehen. Kat rieb einen Flecken weiches Fell unter Fluffs Kinn, und befahl ihr, im Wagen zu bleiben. Fluff schien empört zu sein. Kat ignorierte sie und gesellte sich zu ihren Begleitern vor dem Büro, welches offensichtlich nur tagsüber besetzt war.

“So, was jetzt?” fragte JT. “Arbeiten wir uns durch die Container, bis wir einen finden, der voller Kanonen ist? Was glaubst du, wie lange es dauert, bis die Kerle draußen wieder wach werden, oder irgendjemand hier runter kommt?”

“Vertrau mir JT. Sie erwarten erst später Besuch – nicht jetzt. Bis zum Wachwechsel dauert es noch. Entspann dich. Dieser Ort bleibt noch eine ganze Weile verlassen.”

Die Tür zum Sicherheitsbüro war nicht abgeschlossen. Kat setzte sich an den Schreibtisch und stöpselte sich in den Computer ein. Zu leicht. Sie fand schnell heraus, welcher Container die Waffen enthielt. Er war mit einem MagLock gesichert, aber nach einigem bohren fand sie den Code und noch etwas genauso Interessantes: eine kleine Datei, die die Orte in der Stadt auflistete, wo ähnliche Container von DLC gelagert waren. Sie speicherte das für später ab und sagte ihrem Team was zu tun war.

Sie setzten den Van zurück an den Fracht-Container, während Kat ihn öffnete. Es fühlte sich an wie ihr Geburtstag. Da waren ein Dutzend Kisten mit Ares Alpha Sturmgewehren, Munition und einige andere tollen Sachen.

“Lasst uns nicht gierig werden, Leute. Nehmt euch was ihr könnt, und macht schnell.” Kat ließ sich vor einem silbernen Aktenkoffer nieder, der auf einer Kiste am hinteren Ende des Containers stand. Sie öffnete ihn und winkte die andern bei, damit sie ihn sich ansahen.

JTs Augen wurden groß. “Ist das das, was ich denke, was es ist?” Ein Lächeln breitete sich auf Kats

Gesicht aus, wurde aber schnell von einem entschlossenen Ausdruck ersetzt. “Wir dürfen uns nicht ablenken lassen. Wir müssen diese Kisten hier raus schaffen.” Sie nickte Kitsune zu.

Manchmal erschien Kitsune sehr wie Fuchs, ihr Geister-Totem. Die Ähnlichkeit äußerte sich in den flinken Blicken und einem gelegentlichen Zucken der Nase. Sie trug Waffenkisten langsam vom Container zum Van, dabei gelegentlich eine Stelle hinter ihrem Ohr reibend.

Kat entging das veränderte Verhalten ihrer Freundin nicht. “Was liegt dir auf dem Herzen?”

“Es ist bloß….” Kitsunes Worte schienen ihr schwer zu fallen. “Ich…denke dauernd, uns entgeht hier etwas. Ahteen heuert über einen Schieber ein paar Elfenschläger an, um einen NAN Stammesangehörigen auszuschalten, dem es nicht gefällt, dass der Drache seine Nase in Stammesangelegenheiten steckt.”

JT und Kat zuckten mit den Schultern. Klang nicht außergewöhnlich.

“Was mich wirklich stört, ist, dass ich noch nie davon gehört habe, dass Ahteen seine Finger in Stammesangelegenheiten hätte. Ich bin kein Ältester, aber ich denke doch, ich bin nahe genug an Stammesmitgliedern dran, um zu wissen, wenn so was der Fall wäre.”

JT ächzte, als er eine besonders schwere Kiste in den Laster hob. “Da könnte was dran sein. Wer sagt denn, dass Ahteen mit all dem zu tun hat?”

Kat sagte: “Nein, ich kann den Einfluss des Drachens spüren. Wenn man mal auf der Häppchenplatte von so einem lag, hinterlässt das eine Spur.”

Fluff maunzte. Kat ging zu ihr, um zu sehen, was los war. Das Kätzchen schien ganz gebannt eine Stelle anzustarren, die außer Sicht lag. Sie maunzte wieder.

“Was ist los, Mietze? Siehst du eine Maus?”

Fluff erhob sich und sprang rasch aus dem Laster.

“Scheiße, nicht schon wieder!” Kat jagte hinter Fluff her; rief ihr zu stehen zu bleiben. Gerade als Fluff in ihrer Reichweite war, wurde Kats Verfolgung dadurch unterbrochen, dass sie einen Cruiser der Sicherheitsfirma erblickte, der mit ausgeschalteten Scheinwerfern die Rampe zur Tiefgarage herabrollte. “Drek!” stieß sie aus und kehrte um, alle Gedanken an Heimlichkeit ausgelöscht.

Während sie zum Laster zurückrannte, schrie sie Kitsune und JT zu: “Wir sind aufgeflogen! Steigt ein!”

Kitsune grummelte irgendetwas vor sich hin, als sie in den Fahrersitz stieg und den Laster anließ. JT stieß den Behälter, den er trug, auf die Rückbank und stieg hinterher. Fluff trottete stolz auf sie zu, eine schlaffe Maus zwischen ihren Kiefern gefangen. Kat schaffte es sie zu schnappen, gerade als Kitsune den Laster in Bewegung setzte.

“Wir haben zu viel Zeug hier hinten drin, um sie abzuhängen!” schrie JT.

“Schnauze, JT!” Kitsune musste sich konzentrieren.

Knight Errants Wagen war vorbeigeprescht. Kitsune zwang den Laster dahinter vorbei und donnerte die Rampe nach oben und in die Gasse hinein. Ein zweiter Cruiser schob seine Frontpartie in die Gasse, darauf hoffend, die Runner aufzuhalten. Tat er aber nicht. Kitsunes Laster zerdrückte die Motorhaube des Cruisers, geriet für einen Moment ins Stocken und raste dann weiter. Sirenen folgten ihnen. Der Laster war langsam und fuhr unter den Händen der Schamanin sogar noch träger. Kitsune fuhr eine Linkskurve, so scharf wie möglich, beschleunigte für drei Blocks und riss das Steuer dann wieder rechts herum.

“Sie holen auf!”

“Schnauze, JT!” Kitsune verlor ihre Geduld.

Das Rückfenster zerplatzte, gefolgt vom schweren “wumm wumm wumm” eines auflaffetierten Ares-Maschinengewehrs. JT stieß ein kleines Wimmern aus. Etwas traf das Hinterrad und plötzlich hoben sie ab. Der Laster landete auf der Seite, Kat und JT wurden auf dem Rücksitz herumgeworfen. Die drei brauchten mehrere Sekunden, um sich zu orientieren. Außerhalb des Lasters kamen ein paar Sicherheitswagen quietschend zum Stehen.

“Kitsune, gib uns Deckung. JT, Schnapp dir, was immer du kannst!”

Wie schon zuvor, wirkte Kitsune ihren Nebelzauber. Dieses Mal war er weitaus mächtiger. Das Gebiet wurde schnell mit dichtem, glänzendem Dampf verschleiert. Kitsune taumelte, die Macht des Spruches machte ihr wirklich zu schaffen. Kat fummelte im Nebel herum, bis sich ihre Finger um einen Aktenkoffer schlossen. Fluff stieß ein verzweifeltes Wimmern aus, Kat hob sie mit dem andern Arm auf und fing an zu rennen. Sie warf einen letzten Blick auf den Laster. “Wir brauchen wirklich einen Rigger.”