DocWagon- Karten sind so wertvoll wie ein Drachenei, den richtigen Abschluss vorausgesetzt. Marshall Parker, der berühmte örtliche Multi-Instrumentalist, besitzt eine Super-Platin-Absicherung (vermutlich finanziert von seinem Gönner, Ahteen). Unwissentlich wurde Marshall damit zum Schlüssel zu einer privaten Enklave und einer dort stattfindenden ‘Einlass nur mit Einladung’ – Party, um zur Erfüllung eines persönlichen Rachefeldzuges beizutragen, und einen Drachen in seinem eigenen Heim zu töten.
Strouther hatte den Plan entwickelt. Sie brauchten einen Weg in Ahteens Unterschlupf und Marshall Parker würde dort ein Konzert geben. Wenn während dieses Konzerts irgendetwas mit Parkers Vitalzeichen schief gehen würde, würde das, zu seinem spitzenmäßigen Medizinischen Vertrag gehörende, Biomonitor-Armband ein DocWagon – Notfallteam auf kreischenden Rädern zu ihm schicken. Dieses Notfallteam würde Kats Team sein. Aber zuerst mussten sie sich einen DocWagon-Wagen ‘borgen’ und ihr Team bei DocWagon registrieren, um auf den kommenden ‘Notfall’ reagieren zu können. Ganz einfach…
Die DocWagon Serviceeinrichtung in South Renton hatte die Größe eines kleinen Krankenhauses. Gesäumt mit Notaufnahme-Eingängen auf der einen Seite und einem Verwaltungsbau auf der anderen Seite. Kats kleine Gruppe von Runnern schlurfte durch den Regen auf das Neonschild mit der Aufschrift: KRANKENTRANSPORTE HIER ANMELDEN zu, steigerte dann das Tempo und sprintete auf eine Reihe Arbeiter zu, die gerade Schichtwechsel hatten und erpicht darauf waren, aus dem Regen zu kommen.
Am Eingang zur Notaufnahme trennten sich die vier Runner. Kitsune, in ihrer neuen DocWagon-Kluft, hing in der Nähe des Eingangs herum, steckte sich eine Zigarette an, und versuchte den Anschein einer Angestellten die Pause machte zu geben. JT und Haegemon trugen Straßenkleidung. Sie trugen Seesäcke, und ihre ID-Ausweise hingen an kurzen Ketten um ihre Hälse. Als sie näher an einen Haufen eintreffender Angestellter herankamen, wandte sich Haegemon an JT, und sagte: ”Ich bekomme euch Jungs von der ‘HighThreat-Einsatzgruppe’ kaum noch zu Gesicht.”
“Sie haben meine Mannschaft erst diese Woche hierher verlegt. Aber wer weiß, wie lange sie uns hierbehalten.”, gab JT zurück. Sie setzten das vorbereitete Gespräch fort, sich mit geübter Leichtigkeit unter die Menge der Angestellten mischend.
Kats Aufgabe lag auf der Verwaltungsseite. Der Laden schloss um 17 Uhr. Zurück blieben nur Haushaltsdrohnen und eine Handvoll Lohnsklaven, die hofften, einige Überstunden würden sie eine weiter Stufe auf der Karriereleiter hinaufbefördern. Kat war mit einem ‘Mortimer`s of London’ – Geschäftsanzug bekleidet, und trug ihre Umhängetasche über der Schulter. Nachdem sie ihren DocWagon-ID-Ausweis dem ersten Sicherheitsbeamten den sie sah vorgezeigt hatte, machte sich keiner mehr die Mühe, in ihre Richtung zu schauen. Sie war für die anderen nur ein weiterer Lohnsklave.
Kat fuhr mit dem Aufzug hoch zu ihrem Ziel. HR lebte in einem Großraumbüro vier Stockwerke hoch über der Mitte der Anlage. Es könnte ebenso gut eine Höhle gewesen sein. Die Luft war frisch, recycled von den Klimaanlagen, die hoch über ihr surrten. Nach Büroschluss kam das einzige Licht von den grün leuchtenden Notausgangs-Schildern an jedem Ende des Raums und den roten LEDs von Monitoren im Ruhezustand. Kat wählte eine Workstation, die nur aus vier anstatt aus zwölf Rechnern zusammengesetzt war und wo der dadurch gewonnenen Raum für einen runden Tisch und extra Stühle genutzt wurde: die Workstation eines Abteilungsleiters.
Sie stöpselte sich ein.
Kat sog tief Luft ein und schob die Ablenkungen der physischen Welt von sich. Sie ignorierte den Schreibtisch, die kalte, klimatisierte Luft, die auf sie herniederfiel, das leere Büro; und konzentrierte ihre Aufmerksamkeit auf die elektronischen Subroutinen, die sich auf die Computerstation zu und wieder davon weg bewegten. Sie sank in ihrem Stuhl zusammen und ließ ihre Vorstellungskraft die Welt um sie herum zu einem Geflecht von Leitungsdiagrammen und Systemzugriffspunkten verblassen. Es dauerte nicht lange, den Server mit den Mitarbeiterdaten zu finden und die fünf falschen Identitäten einzuschleusen. Spaßeshalber merkte Kat ihre Identität für eine Belobigung vor (Sollte jemand ihre Unterlagen checken, würden sie zumindest sehen, dass sie gut war in ihrem Job).
Sie fuhr diesen Zugriffspunkt runter und richtete ihr Eindringen neu aus. Kat hackte sich durch eine Folge von Firewalls, grub sich in das Root-System ein, wo sie den Datenstrom des Sicherheitssystems sehen konnte, wie er sich zur Gebäude-CPU hin aufspulte. Türschlösser und Überwachungskameras strahlten vom Kern ab, wie die Stacheln eines Kugelfisches. Kat unterdrückte schnell die Befehlszeile, deren Speicherzuweisungen entziehend, so wie ein Knick im Schlauch dem Taucher den Sauerstoff entzog. Ohne RAM und ROM liefernden Code, stoppten die Kameras die Aufzeichnungen und Magnetschlösser öffneten sich mit einem trägen klacken.
“Verzeihung, Fräulein?” Eine Stimme trieb von irgendwo weit weg auf Kat zu.
In der Zwischenzeit hatte es Kitsune geschafft, lässig durch einen der frisch entriegelten Seiteneingänge in eine der Parkbuchten zu schlüpfen. Kat übernahm die Kontrolle über eine der Garagenüberwachungskameras und beobachtete, wie die Schamanin, den Kopf gesenkt, in Richtung eines klotzigen Ares Citymasters schlenderte, der nahe der Rückseite der Parkbucht geparkt war. Hellrote Buchstaben auf der Seite des Transporters verkündeten warnend: “HighThread-Einsatz”. Haegemon und JT folgten, und Kats drei Begleiter stiegen in den Ares Citymaster. Kitsune brachte den Motor auf Touren.
“Fräulein?” Mehr Worte krochen aus ihrem Bewusstsein, aber das Geräusch war verstümmelt, als würde es unter Wasser gemurmelt.
Kat zoomte näher ran, um das Nummernschild lesen zu können. Sie pflanzte die Nummer in das System für die aktiven Fahrzeuge der morgigen Spätschicht ein, es dabei gleichzeitig mit Kitsunes gefälschter ID als Fahrerin verknüpfend, sowie den anderen gefälschten IDs als Mannschaft.
Fertig mit ihren Aufgaben, erlaubte die Deckerin sich auf die äußere Welt zu konzentrieren. Sie tauchte langsam auf, die ferne Stimme noch immer ein nagender Datenstrom, wartend am Rande ihres Bewusstseins. Es wandelte sich von einem irritierenden Hauch zu dem alarmierenden Gefühl einer Hand auf ihrer Schulter. Kat begann mit dem Log-Out und die Realität der Welt kehrte schlagartig zurück. Als ihre Sinne sich einstellten, verstärkte sich der Griff an ihrer Schulter. Kat verkrampfte sich reflexartig und widerstand dem Drang, die Hand wegzuschlagen.
“Ich habe Sie gefragt, was Sie an meinem Terminal zu schaffen haben?” Die barsche Stimme gehörte einem Mann in einem schlechtsitzenden Geschäftsanzug. Seine Krawatte war gelockert und die drei obersten Knöpfe seines Hemdes standen offen. Bartstoppeln sammelten sich an seinem Kinn und unter seiner Lippe. Sein Atem stank nach schaler Minze.
“Oh, oh!… Es tut mir so leid.” Kat stieß sich vom Tisch weg und trennte ihre Datenbuchse ab. Sie versuchte das Zittern aus ihrer Stimme heraus zu halten, versagte aber. Sie tätschelte geistesabwesend ihre Schultertasche. “Sie sagten mir, sie wären schon für den Abend verschwunden.”
“Wer sind ‘Sie’?”
Kat setzte zum sprechen an, klappte den Mund aber wieder zu, setzte den Finger an ihre Lippen, so als wollte sie anzeigen, dass irgendjemand lauschen könnte. Sie warf einen langen Blick durch den Raum, ihren Kopf auf dramatische Weise hin und her drehend, was ihr die Zeit gab, sich an die Lüge zu erinnern, die sie sich zurecht gelegt hatte. “Ich denke nicht, dass ich Ihnen das sagen darf.”
“Ich sagte, was machen Sie an meinem Rechner?” Zwei Schatten querten das grüne Licht des am andern Ende des Raumes angebrachten Notausgangs-Schildes. Ihr Herz schlug schneller. Kat warf einen Blick hinüber und sah ein Paar Sicherheitsleute dort stehen.
Die Deckerin befeuchtete ihre trockenen Lippen und lächelte verschwörerisch. “Okay, ich meine, irgendwem muss ich es ja sagen, nicht wahr?”
“Ich denke, Sie fangen jetzt besser an zu reden…!”
Sie warf einen schnellen Blick auf das Namensschild auf dem Schreibtisch: Patrick Goodman. Die beiden Wachmänner kamen jetzt auf sie zu. Durch Quäken und Quietschen kündigten ihre Walkie-Talkies ihre Ankunft an.
Kat beugte sich zu Patrick Goodman und flüsterte, “Also gut, Mr. Goodman. Die Firma hat mich hergeschickt, um vor dem Verkauf einige Daten zu überprüfen.”
“Was für ein Verkauf!?” Unter dem Ansturm von heißem, minzigem Atem trat der vertraute Geruch von Bourbon hervor. Er schaute hinüber zu den Wachen, die jetzt wie eingefroren an ihrem Platz standen, unsicher darüber, wie sie reagieren sollten. Er machte einen fummeligen, ungeschickten Versuch, seine graue Krawatte zu richten und wiederholte seine Frage flüsternd.
“Nun, Sir, die Gesellschaft hat ein Angebot von CrashCart erhalten, dahingehend, diese Örtlichkeit zu erwerben. Es werden bereits Vorkehrungen getroffen, um das Personal an andere Standorte zu verlagern. Ich wurde vorausgeschickt, um festzustellen, ob es auf administrativer Seite etwas gibt, das es wert ist zu erhalten.”
Patrick Goodman sah plötzlich krank aus. Er sprach kein Wort mehr, bis das Funkgerät eines Wachmannes wieder quietschte und den Abteilungsleiter aus seiner Trance riss. “Ich,…äh…denke…sie sollten dann wohl weiter machen.”
“Ich danke Ihnen, Sir.” Sie pausierte kurz, improvisierte jetzt und fügte hinzu “Es stimmte, was sie über Sie sagten.”
Er starrte sie neugierig an, den Kopf leicht zur Seite geneigt, in einer Art und Weise, die sie an Fluff erinnerte. Kat musste sich dazu zwingen, sich lange genug das Grinsen zu verkneifen, um eine Erklärung abzugeben. “Sie können die richtigen Entscheidungen treffen.” Dann garnierte sie das Ganze noch mit einem Augenzwinkern.
Patrick Goodman strahlte. Er schaffte es endgültig, seine Krawatte soweit zu richten, dass er sein Hemd zuknöpfen konnte. Er schlenderte fort, den Rücken gerade, die Schultern hochgezogen. Die Wachen schienen dadurch befriedigt genug, dass sie ihren Rundgang fortsetzten.
Nachdem alle Männer verschwunden waren, schlüpfte Kat ins nächste Treppenhaus und stieg hinab zum ersten Stock. Der Ares Citymaster wartete vor dem Haus auf sie. Haegemon öffnete die Tür und half ihr beim einsteigen.
“Irgendwelche Probleme?”
“Nichts, womit ich nicht fertig werde.” Sie tätschelte ihre Umhängetasche. Fluff maunzte unter dem Leder.
JT grummelte, “Du musst damit aufhören, das verdammte Kätzchen überallhin mitzuschleppen. Das ist nicht gesund. Ich glaube, es verliert ein Leben, jedes Mal wenn du es in diese Tasche steckst.”
Kat verdrehte ihre Augen. “Gute Arbeit, alle zusammen. Wir haben die Karre. Alles, was uns jetzt noch fehlt, ist der Patient.”
Die Gruppe eilte die Interstate 5 entlang, in Richtung des gigantischen, von Menschen geschaffenen Berges, der als die Renraku-Arkologie bekannt ist.
